Heft 
(2009) Bd. 6. [Kirchenbauten]
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Kirsch - Kirchen des Historismus im Land Bremen

Rolf Kirsch

Kirchen des Historismus im Land Bremen

Die Kirchen des Historismus, erbaut im 19. und vereinzelt noch im frühen 20. Jahrhundert, stel­len die große Mehrzahl der denkmalgeschützten Sakralbauten im Land Bremen. Es handelt sich dabei überwiegend um Schöpfungen der Back­stein-Neugotik unterschiedlichster Ausprägung; lediglich zwei Kirchen gehören der Neoroma- nik an (St. Michael in Grohn und St. Godehard in Hemelingen), nur eine ist kein Backsteinbau (St. Michael in Grohn). Die protestantischen Kirchen sind, wie nicht anders zu erwarten, bei Weitem in der Uberzahl; von den im Folgenden erwähnten Beispielen sind lediglich St. Gode­hard in Bremen-Hemelingen und die Herz-Jesu- Kirche in Bremerhaven-Lehe katholisch. In der Statistik der denkmalgeschützten Kirchen bele­gen mittelalterliche Bauten den zweiten Rang, gefolgt von den Sakralbauten der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Sehr selten sind Kirchen des Klassizismus, die in Bremen nur durch die Hor­ner Kirche und die Vegesacker Kirche vertreten sind. Noch rarer sind denkmalgeschützte Sa­kralbauten der sogenannten Reformbewegung und des Expressionismus, die jeweils nur mit einem Exemplar in der Bremer Denkmalliste repräsentiert sind: der reformierten Kirche in Farge, erbaut 1904-1905 von Abbehusen & Blendermann, und der Oslebshauser Kirche (1929-1930) von Walter Görig, dem Baumeister des Konzerthauses »Die Glocke«. Ein Sakralbau unter dem Einfluss des »Neuen Bauens« der zwanziger Jahre steht bisher im Land Bremen noch nicht unter Denkmalschutz. Dies wird sich aber durch die geplante Unterschutzstel­lung der Kapelle des Geestemünder Friedhofes in Bremerhaven, erbaut nach Plänen von Wil­helm Allers, dem einzigen hiesigen Beispiel die­ser Richtung, demnächst ändern (vgl. den Bei­trag von Uwe Schwartz in diesem Heft). Das

Zahlenverhältnis der denkmalgeschützten Kir­chen spiegelt recht genau die tatsächliche Auf­teilung der Kirchenbauten Bremens auf die ver­schiedenen Epochen, mit allerdings einer gra­vierenden Ausnahme: Während natürlich alle mittelalterlichen Kirchen und die große Mehr­zahl der historistischen Kirchen sowie der weni­gen »Exoten« der übrigen Stilepochen unter Denkmalschutz stehen, sind die in großer Zahl errichteten Nachkriegskirchen noch unterreprä­sentiert. Auch hier wird es in Zukunft weitere Unterschutzstellungen geben.

Welche Ursachen führten zu der Blüte des Kirchenbaus im 19. Jahrhundert in unserer Re­gion? Vor allem Bevölkerungswachstum und wirtschaftliche Prosperität, ausgelöst durch die sich entwickelnde Industrialisierung, wobei die Häfen in Bremen und Bremerhaven die treiben­de Kraft waren. Diese Entwicklung lässt sich besonders gut in den ursprünglich preußisch­hannoverschen, später eingemeindeten Umland- gemeinden Bremens und Bremerhavens verfol­gen, die zu Industrievororten Bremens wurden. In dem Maße, wie die - ursprünglich oft noch dörflichen - älteren Kirchen den steigenden Einwohnerzahlen nicht mehr gewachsen waren oder auch die Kirchgänger aus den neu ent­stehenden Siedlungsräumen zu langen Wegen zwangen, wuchs das Bedürfnis nach Kirchen­neubauten und der Wille zur gemeindlichen Eigenständigkeit und zur Loslösung von bis­herigen Mutterkirchen. Vereinzelt kam es aber auch zum Abbruch und zum Ersatz mittelalter­licher Kirchen durch Neubauten des neunzehn­ten Jahrhunderts. Es ist heute nur schwer vor­stellbar, dass man damals altehrwürdige Kirchen des Mittelalters auch ohne wirklich zwingende Notwendigkeit beseitigen konnte. Darin spie­gelt sich wohl auch das Selbstbewusstsein einer

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