Kirsch - Kirchen des Historismus im Land Bremen
Rolf Kirsch
Kirchen des Historismus im Land Bremen
Die Kirchen des Historismus, erbaut im 19. und vereinzelt noch im frühen 20. Jahrhundert, stellen die große Mehrzahl der denkmalgeschützten Sakralbauten im Land Bremen. Es handelt sich dabei überwiegend um Schöpfungen der Backstein-Neugotik unterschiedlichster Ausprägung; lediglich zwei Kirchen gehören der Neoroma- nik an (St. Michael in Grohn und St. Godehard in Hemelingen), nur eine ist kein Backsteinbau (St. Michael in Grohn). Die protestantischen Kirchen sind, wie nicht anders zu erwarten, bei Weitem in der Uberzahl; von den im Folgenden erwähnten Beispielen sind lediglich St. Godehard in Bremen-Hemelingen und die Herz-Jesu- Kirche in Bremerhaven-Lehe katholisch. In der Statistik der denkmalgeschützten Kirchen belegen mittelalterliche Bauten den zweiten Rang, gefolgt von den Sakralbauten der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Sehr selten sind Kirchen des Klassizismus, die in Bremen nur durch die Horner Kirche und die Vegesacker Kirche vertreten sind. Noch rarer sind denkmalgeschützte Sakralbauten der sogenannten Reformbewegung und des Expressionismus, die jeweils nur mit einem Exemplar in der Bremer Denkmalliste repräsentiert sind: der reformierten Kirche in Farge, erbaut 1904-1905 von Abbehusen & Blendermann, und der Oslebshauser Kirche (1929-1930) von Walter Görig, dem Baumeister des Konzerthauses »Die Glocke«. Ein Sakralbau unter dem Einfluss des »Neuen Bauens« der zwanziger Jahre steht bisher im Land Bremen noch nicht unter Denkmalschutz. Dies wird sich aber durch die geplante Unterschutzstellung der Kapelle des Geestemünder Friedhofes in Bremerhaven, erbaut nach Plänen von Wilhelm Allers, dem einzigen hiesigen Beispiel dieser Richtung, demnächst ändern (vgl. den Beitrag von Uwe Schwartz in diesem Heft). Das
Zahlenverhältnis der denkmalgeschützten Kirchen spiegelt recht genau die tatsächliche Aufteilung der Kirchenbauten Bremens auf die verschiedenen Epochen, mit allerdings einer gravierenden Ausnahme: Während natürlich alle mittelalterlichen Kirchen und die große Mehrzahl der historistischen Kirchen sowie der wenigen »Exoten« der übrigen Stilepochen unter Denkmalschutz stehen, sind die in großer Zahl errichteten Nachkriegskirchen noch unterrepräsentiert. Auch hier wird es in Zukunft weitere Unterschutzstellungen geben.
Welche Ursachen führten zu der Blüte des Kirchenbaus im 19. Jahrhundert in unserer Region? Vor allem Bevölkerungswachstum und wirtschaftliche Prosperität, ausgelöst durch die sich entwickelnde Industrialisierung, wobei die Häfen in Bremen und Bremerhaven die treibende Kraft waren. Diese Entwicklung lässt sich besonders gut in den ursprünglich preußischhannoverschen, später eingemeindeten Umland- gemeinden Bremens und Bremerhavens verfolgen, die zu Industrievororten Bremens wurden. In dem Maße, wie die - ursprünglich oft noch dörflichen - älteren Kirchen den steigenden Einwohnerzahlen nicht mehr gewachsen waren oder auch die Kirchgänger aus den neu entstehenden Siedlungsräumen zu langen Wegen zwangen, wuchs das Bedürfnis nach Kirchenneubauten und der Wille zur gemeindlichen Eigenständigkeit und zur Loslösung von bisherigen Mutterkirchen. Vereinzelt kam es aber auch zum Abbruch und zum Ersatz mittelalterlicher Kirchen durch Neubauten des neunzehnten Jahrhunderts. Es ist heute nur schwer vorstellbar, dass man damals altehrwürdige Kirchen des Mittelalters auch ohne wirklich zwingende Notwendigkeit beseitigen konnte. Darin spiegelt sich wohl auch das Selbstbewusstsein einer
47