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Denkmalpflege in Bremen Heft 6
Georg Skalecki
Die Wiedergewinnung der historistischen Ausmalung in der Lutherischen Kirche von Alt-Aumund
Wie sich Geschmacksurteile ändern können und dass man zum Verständnis eines früheren Gestaltungswillens auch einen zeitlichen Abstand benötigt, zeigen immer wieder die Beurteilungen von historistischen Bauten und deren malerischen Ausgestaltungen. Lange Zeit wurde die Phase des Historismus als unschöpferisch verachtet und ihre Leistungen abwertend behandelt. Besonders direkt nach dem Krieg wurden viele historistische Bauten aufgrund solcher Fehleinschätzungen abgerissen, stark verändert oder ihres dekorativen Schmucks beraubt. Im Zuge von Purifizierungen wurden ganze historistische Gesamtkunstwerke gerade auch im Kirchenbau verändert, indem man Ausstattungsteile entfernte oder Ausmalungen überstrich.
Einige Bremer Kirchen erlitten solch ein Schicksal. Oft genug geschah dies, ohne dass man das Zerstörte vorher dokumentierte oder vielleicht eine reversible Übermalung wählte, die man später leicht hätte entfernen können. Zu sicher glaubten sich viele Architekten und Gestalter der damaligen Zeit in ihrem Urteil. Der Geschmack der Nachkriegszeit glaubte sicher einschätzen zu können, dass solche Gestaltungen wertlos seien.
Da die Denkmalpflege mit dem Blick des Historikers um eine wertfreie objektive Beurteilung bemüht ist und neben einer künstlerischen Qualität auch die vergangenen Leistungen als zeitgeschichtliches Dokument zu beurteilen hat, geht sie vorurteilsfrei an eine Bewertung heran. Deshalb waren es hauptsächlich die Denkmalpfleger sowie die Historismus-Forscher der Hochschulen, die die Bedeutung und Rangstellung auch dieser historischen Phase früh erkannt hatten. Inzwischen erfreuen sich diese Bauten einer allgemein breiten Wertschätzung. Deshalb werden auch Stück für Stück historistische
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Bauten wiederhergestellt und übermalte Raumfassungen, wenn möglich, wieder freigelegt.
Ein erfolgreiches und lehrreiches Beispiel ist die Lutherische Kirche in Aumund in Bremen- Nord. 1876 bis 1877 wurde diese neogotische Stufenhallenkirche mit mächtigem Westturm erbaut. Die Pläne stammen von dem Oldenburger Baurat Ludwig Wege. Die weite Halle wird durch schlanke Holzstützen in drei Schiffe zu sechs Jochen unterteilt. Der Chor wird durch einen Triumphbogen abgetrennt und endet stark eingezogen in einem polygonalen Schluss. 1909 bis 1910 malte der Hannoveraner Kirchenmaler Karl Bohlmann das Innere in einer Leimfarbentechnik aus. Der Chor wurde im Sockelbereich und im Gewölbe ornamental dekorativ gestaltet, während die Stirnwand um den Triumphbogen figürlich ausgemalt wurde. Dargestellt sind Moses (rechts) und Paulus (links) sowie der thronende Christus mit flankierenden Engeln vor gestaltetem Hintergrund. 1952 ließ man die gesamte Innengestaltung vom Delmenhorster Maler Hermann Oetken übermalen, wobei das Chorgewölbe mit monochromen Ranken, der Sockel des Chores mit Schriftbändern und die Stirnwand mit Christus in der Mandorla und links mit Moses und Paulus ausgestaltet wurden. Die Flächen wurden monochrom hell übermalt. Damit erhielt der Kirchenraum eine nüchtern unterkühlte Wirkung. Die starren figürlichen Darstellungen schwammen ohne Bezug zur Architektur auf der Wand. Die Ubermalung der historischen Raumfassung entsprach der Einstellung der Zeit zu den Leistungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
1977, zum 100-jährigen Jubiläum, wurde eine allgemeine Renovierung der Kirche vorgenommen und dabei die Existenz der übermalten Bohlmannschen Fassung wieder ins Gedächtnis