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Denkmalpflege in Bremen Heft 6
Eberhard Syring
Carsten Schröck: Protagonist des modernen Kirchenbaus in Bremen
Die Zeit des Aufbaus Bremens nach dem Zweiten Weltkrieg, die mit großem Schwung Anfang der 1950er Jahre einsetzte und Anfang bis Mitte der 1970er Jahre zu ihrem Abschluss kam, hatte mehrere große Bau-Themen. Als Erstes denkt man dabei sicher an den Wohnungsbau mit der Neuen Vahr als einem über die Grenzen der Hansestadt hinauswirkenden Leuchtturm- Projekt. Aber auch der Schulbau unter der Konzeption des fortschrittlich gesinnten Oberschulrats Wilhelm Berger hatte herausragende architektonische Ergebnisse zu verzeichnen. Gleich danach muss aber schon der Sakralbau erwähnt werden: In keiner Zeit sind so viele Kirchen gebaut worden wie in den zweieinhalb Jahrzehnten zwischen 1950 und 1975. Allein für die beiden großen christlichen Religionsgemeinschaften entstanden in diesem Zeitraum rund sechzig neue Gotteshäuser - weit mehr als die Hälfte davon in den 1960er Jahren. Daneben gab es noch zahlreiche Neubauten für kleinere Religionsgemeinschaften. Die Bautätigkeit für die Kirchen umfasste zudem etliche Gemeindehäuser im Umfeld älterer Kirchen.
Der Kirchenbau-Boom geht nur zum Teil auf die Kriegszerstörung von Kirchengebäuden zurück. Entscheidend waren die städtebauliche und die demografische Entwicklung. Wie andere Großstädte in der Bundesrepublik hatte auch Bremen ein starkes Wachstum zu verzeichnen. Schon Anfang der 1950er Jahre wurde die Vorkriegseinwohnerzahl von 445.000 erreicht. Die Zahl stieg auf knapp unter 600.000 in den 1960er Jahren an. Durch die Vertriebenen aus den Ostgebieten und die Flüchtlinge aus der DDR veränderte sich zudem das konfessionelle Bevölkerungsgefüge. Die Zahl der Katholiken stieg in der Hansestadt beträchtlich an, unterstützt auch durch die erste Gastarbeiterwelle
aus südeuropäischen Ländern. Katholische Kirchen wurden in fast allen Stadtteilen errichtet. Von Mitte der 1950er Jahre bis zu Beginn der 1970er Jahre wuchsen von der Gartenstadt Vahr bis Tenever etliche Stadterweiterungsgebiete an den Rändern der Stadt. Hier entstanden neue Gemeinden aller Konfessionen, die sich neue Gotteshäuser bauten. In den Neubausiedlungen wurden die Häuser der Gemeinden zu wichtigen Treffpunkten. Sie kompensierten zum Teil das Fehlen kommunaler Kultureinrichtungen. Darüber hinaus waren die ersten Nachkriegsjahrzehnte durch eine - im Vergleich zu heute - größere religiöse Aktivität in der Bevölkerung gekennzeichnet. Es gab, nach den Jahren der Diktatur, des Krieges und der Not, ein ausgeprägtes Bedürfnis nach spiritueller Geborgenheit.
Wie schlugen sich nun die Bauaktivitäten der Gemeinden architektonisch nieder? Der Bremer Kirchenbau liefert in einem gewissen Maß ein Spiegelbild der allgemeinen Architekturdiskussion. Diese war zunächst geprägt durch eine Auseinandersetzung zwischen Traditionalisten und Modernisten, eine Auseinandersetzung, die sich zum Teil auch als Generationskonflikt verstehen lässt. Bezogen auf den Bremer Kirchenbau ist der Traditionalismus gut an Namen wie Fritz Brandt, Eberhard Gildemeister und Friedrich Schumacher festzumachen, Architekten, die ihre Berufslaufbahn in den 1930er Jahren begonnen hatten und von denen man in Bremen heute insgesamt fünfzehn Kirchen finden kann, die aus den Nachkriegsjahrzehnten stammen. Eine gediegene handwerkliche Ausführung mit traditionellen lokalen Baumaterialien - insbesondere Ziegelsich tmauerwerk -, tief heruntergezogene Dächer und fein gesprosste Fenster sind typische Kenn-