Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1905)
Entstehung
Seite
422
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Dl. RUDOLF lÖCH.

Blut.

Weder im mikroskopischen Bilde noch in der Zahl wurden wesentliche Ver­änderungen der roten Blutkörperchen festgestellt. Vermehrung der Zahl der Leuko- cyten wurde wiederholt hei der Best beobachtet (Böen).

Zinno berichtet über eine Abnahme der roten und in schweren Fällen auch der weißen Blutkörperchen. Während der Rekonvaleszenz fand er eine starke Zunahme der Leukocyten, besonders der mononukleären. Für charakteristisch hält er das Auftreten von eosinophilen Myelocyten.

Dauer der Krankheit. Mortalität. Rekonvaleszenz. Nachkrankheiten.

Pestmarasmus. Rückfälle. Mehrmalige Erkrankung.

Die Dauer der Pesterkrankung kann ganz kurz sein, nur wenige Stunden betragen, wie bei den ganz rapid verlaufenden Fällen (Pestis siderans, siehe S. 41G). Die Berichterstatter älterer Epidemien erzählen sogar, daß Leute mitten in ihrer Beschäftigung,wie vom Blitze getroffen, gestorben sind, was auch nach neueren Erfahrungen durchaus glaubwürdig ist. Die Mehrzahl der Fälle stirbt wohl innerhalb der ersten 8 Tage; tritt nach 2 AVochen noch letaler Ausgang ein, so ist dies wohl meist auf Komplikationen (sekundäre Pneumonien und Meningitis) oder Misch­infektionen (mit dem Strepto- oder Diplokokkus oder dem Influenzabazillus) zurück­zuführen.

Die Mortalität der Pest ist, wie bei allen epidemisch auftretenden Infektions­krankheiten, verschieden, in verschiedenen Epidemien und in derselben Epidemie in den verschiedenen Stadien derselben (vgl. Abschnitt Epidemiologie, Verlauf, S. 404). Sie erreicht jedoch häufig eine solche Höhe wie bei keiner anderen Infek­tionskrankheit. Der schwarze Tod soll r 4 der damaligen Bevölkerung Europas hingerafft haben, Griesinger schätzt die durchschnittliche Mortalität nach den Be­richten auf 7090%, selten unter GO°'o. In Bombay wurden während der Epidemie des Jahres 1897 aus der Zahl der gemeldeten und entdeckten Pestfälle folgende Mortalitätsziffern berechnet: (JanuarMai) 83,09%, 97,26%, 91.99 %, 89,29 %, 82,14 %. Leichte Erkrankungen wurden in Anbetracht des Wiederstandes der Be­völkerung oft nicht festgestellt. Daher sind die obigen Zahlen wahrscheinlich etwas zu hoch.

Wird der Kranke gesund, so hat die Pesterkrankung im Durchschnitte in der Regel nicht über 10 Tage gedauert. Zieht sich die Krankheit länger hinaus, so ist das meistens durch Komplikationen (z. B. septisches Fieber) verursacht.

Die Dauer der Rekonvaleszenz kann höchst verschieden sein. Bisweilen erholen sich die Kranken überraschend schnell. Öfter bleibt aber längere Zeit dauernde Mattigkeit und Schwäche zurück; der objektive Befund dabei ist negativ.

Von N a c h k r a n k h e i t e n hat Sticker beobachtet: dauernde Vaguslähmungen, Gefäßlähmung, Gaumen- und Rekurrenslähmungen, Aphonien, Aphasien, hysterische Stummheit, Nervenstammlähmungen, Paraplegien und Hemiplegien, Amaurosen und Taubheiten, parenchymatöse Keratitis, Iridocyclitis und Panophthalmie.

Bisweilen tritt während der verzögerten Rekonvaleszenz, ohne Hinzu­kommen neuer Komplikationen spät, auch noch nach mehreren Wochen, der Tod ein. Die Sektion deckt eine hochgradige, marastische Atrophie der Organe auf. Dieser Pestmarasmus ist, nach Analogie der Tierversuche, auf die lange an­haltende Toxinwirkung des Pestbazillus zurückzuführen.

Rückfälle bei Pest wurden wiederholt gesehen (z. B. linker Leistenbubo, Resorption, 3 Tage fieberfrei, am 15. Tage rechter axillarer Bubo, Genesung; ferner