Die Pest.
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Herz und Gefäfse.
Keine andere Infektionskrankheit schädigt die Herzkraft so früh und in so hohem Grade wie die Pest. Von dem Verhalten des Herzens hängen Dauer und Ausgang der Pesterkrankung ab. In der Mehrzahl der Fälle stirbt der Pestkranke unmittelbar durch Erlahmung der Herzkraft. Offenbar sind es die von dem Pestbazillus ausgeschiedenen Gifte, welche die Herzkraft schädigen. Die Intensität dieser Gifte einerseits, die Widerstandskraft des Herzens anderseits sind in dem einzelnen Falle die Hauptfaktoren, die den Krankheitsverlauf bestimmen. Die Höhe der Fiebertemperatur beeinflußt bei der Pest nur in zweiter Linie die Pulsfrequenz (vgl. die Temperatur- und Pulskurven S. 410—411). Eine weitere Frage wäre es, ob die Pestgifte wirklich unmittelbar auf das Herz selbst ihre Wirkung ausüben, oder ob sie zunächst die Zentren des vasomotorischen Nervensystems angreifen. Der hinter den klinischen Symptomen zurückbleibende anatomische Herzbefund, ferner das terminale Aufschnellen der Pulsfrequenz, ganz analog den Erscheinungen bei Meningitis, würden für die letztere Ansicht sprechen.
Die Weite der R a d i a 1 i s (Füllung des Pulses) ist anfangs meist dem Knochenbau entsprechend. Die Spannung kann anfangs ebenfalls nur wenig unter der Norm bleiben. Die Puls welle ist in der Regel nur von mittlerer Höhe, bisweilen findet man andeutungsweise Celerpuls. Im Anfangsstadium besteht, oft durch Tage, Dikrotie des Pulses, einer gewissen Abnahme der Spannung entsprechend. Die Pulsfrequenz ist im Krankheitsbeginne mäßig hoch, ungefähr 120 in der Minute. Hohe Pulsfrequenzen von 140—150 gleich anfangs geben eine schlechte Prognose, aus der Niedrigkeit der Pulszahlen im Anfang kann man jedoch keinen Schluß ziehen, weil die Zahlen noch später infolge von Metastasen oder Mischinfektionen plötzlich steigen können. Bleibt die Pulsfrequenz dagegen dauernd und ungeachtet anderer schwerer Symptome in mäßigen Grenzen, 120—130, so ist dies ein gutes Zeichen; dazu gehört auch ein Parallelgehen von Puls- und Temperaturkurve.
In schweren Fällen werden mit der Abnahme der Füllung und Spannung der Arterie auch die Puls wellen kleiner, weniger voneinander abgesetzt, so daß die Zählung schließlich an der Radialis unmöglich wird. Dies kennzeichnet den Eintritt der Herzschwäche. Die Radialis wird dabei eng, manchmal fadendünn. Die Frequenz steigt, oft rapid aufschnellend, auf 170—180, manchmal wurde sogar 200 und mehr geschätzt. Das Hereinbrechen der Herzschwäche kann ganz plötzlich und rasch geschehen. Bei den Fieberbewegungen geht in diesem Stadium die Pulskurve nicht mehr parallel zur Temperaturkurve herab, sondern bleibt hoch, ja, es kann, während die Temperatur absinkt, die Pulszahl ansteigen. Oft ist dies vor dem Tode der Fall; während des Verlaufes gibt ein derartiges Verhalten der Pulskurve immer eine schlechte Prognose (vgl. Temperatur- und Pulskurven S.410—411, namentlich Fig. 2 und 3). Arrhythmien sind selten. Paradoxie des Pulses wird öfters beobachtet, und ist durch die Verstärkung der inspiratorischen Druckschwankungen bei schwacher Herzkraft bedingt (namentlich bei Halsbubo und Pestpneumouie).
In der Rekonvaleszenz wurde dauernde Erhöhung der Pulsfrequenz und wochenlange Vasomotorenlähmung beschrieben (Sticker).
Am Herzen selbst findet man Leiser- und Dumpferwerden der Herztöne und systolische Geräusche an der Spitze und im zweiten Interkostalraum.