Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1905)
Entstehung
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404
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Dr. Rudolf Riten.

Verlauf einer Pestepidemie.

Der Anstieg einer Pestepidemie erfolgt immer allmählich, noch nie wurde ein plötzlicher, allgemeiner Ausbruch beobachtet. Das liild der epidemischen Aus­breitung ist im Anfänge durch Gruppenbildung der Krankheitsfälle charakterisiert. Die Pest in Indien liefert häutig Gelegenheit zu dieser Beobachtung. Der Kranke infiziert zunächst seine Umgehung, dann seine Bekannten, Angehörige seiner Kaste, seines Berufes, die mit ihm in Verkehr gestanden hatten. So muh die Krankheit durchaus nicht straßenweise fortschreiten, sondern es kann sich bald da, bald dort ein neuer Krankheitsfall ereignen, der dann meist wieder ein neues Zentrum für von ihm weiter verbreitete Fälle in seiner Umgehung bildet. Am Höhepunkte der Epidemie, wo allenthalben Erkrankungen Vorkommen, ist dieses Bild natürlich ver­wischt. Der Abfall erfolgt rasch, insofern als die Zahl und Schwere der Er­krankungen meist schnell abnimmt, vereinzelte leichte Fälle ereignen sich aber noch durch verhältnismäßig lange Zeit und können so den Übergang zu einem neuen Ausbruch bilden.

Eine Pestepidemie dauert, auch wenn sie sich selbst überlassen ist, stets nur einige Monate. Der schwarze Tod soll nirgends über sechs Monate gewährt haben.

Eine sehr merkwürdige Tatsache ist es, daß die Pestepidemien sich an dem­selben Orte zur gleichen Jahreszeit wiederholen. So konnte man in Ägypten von einem ,,regelmäßigen Seuchengang sprechen, die Krankheit begann im September und endete im Juni, dasselbe kann man bei der jetzigen Pestepidemie in Bombay beobachten, wo die Pest immer wieder mit Eintritt der kühlen Jahreszeit ausbricht. Man hat diesen Wechsel mit der bakteriziden Kraft der Sonnenstrahlen, der be­schleunigten Eintrocknung und dem im allgemeinen erhöhten "Wohlbefinden der Ein­geborenen während der warmen Jahreszeit in Zusammenhang gebracht. Gottsciilicii führt aber die sich seit 1899 immer wiederholten Pestausbrüche in Ägypten auf die Zuwanderung der griechischen Händler zurück, welche unter der ärmsten Be­völkerung in allen möglichen Teilen des Orients herumziehend zur Verschleppung der Pest wohl geeignet sind. Auch in Bombay kann man das Wiederkehren der Pest auf das Zusammenströmen der ländlichen Arbeiter in die Stadt (nach der Ernte), auf die damit zusammenhängende Überfüllung und auf das gedrängte Zusammen­schlafen in Wohnhäusern zurückfühlen, während zur Sommerszeit der größte Teil des Proletariats im Freien schläft. Wenn man außerdem noch berücksichtigt, daß dieselben Witterungsverhältnisse, welche für Bombay günstig sind, in anderen Orten im Inneren Indiens mit dem Höhepunkte der Epidemie zusammenfallen, so muß man geneigt sein, die klimatischen Verhältnisse nur neben dem Einflüsse des mensch­lichen Verkehres und den Eigentümlichkeiten des Zusammenlebens als Faktor von geringerer Bedeutung gelten zu lassen, diesen letzten aber die Hauptrolle dabei zuzuschreiben.

Eine letzte Frage der Epidemiologie ist die, auf welche Weise sich der Pest­keim in den pestfreien' Zwischenzeiten erhält. Diese Vermittlung des Überganges ist wohl in den leichteren und mehr chronischen Formen der Pest zu suchen, die im Abklingen der Epidemie häufig auftauchen. Welche Bedeutung pyämische Formen in dieser Hinsicht haben, wurde schon erwähnt. Aber auch leichte Bubonen- und Karbunkelfälle sind hierzu geeignet. Auch die infektiösen Ausscheidungen, in Kleidern, Wäsche usw. vor dem Austrocknen geschützt, mögen liier eine Rolle spielen. So können schwach virulente, verstreute Keime als letzte Reste der abge­laufenen Pestepidemie noch lange Zeit vorhanden sein. Durch neuerliches Zu- sammenströmen der Menschen und lebhafteren Verkehr werden diese Keime wieder