Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1905)
Entstehung
Seite
400
Einzelbild herunterladen
 

400

I)r. Rudolf Püch.

Inkubationsdauer.

Die Inkubationsdauer beträgt in der Regel 25 Tage. In besonders heftigen Fällen mag sie vielleicht noch etwas kürzer anzusetzen sein, eine längere Dauer scheint selten zu sein. Das von der Venediger Konferenz im Jahre 1897 ange­nommene Maximum von 10 Tagen als Inkubationszeit für die Pest ist nach den bisherigen Erfahrungen noch nicht nachgewiesenermaßen überschritten worden.

Infektionsgelegenheit und Infektiosität.

Die Hauptquelle für die Pestinfektionen bildet der pestkranke Mensch. Der von der infektiösesten Form der Pest, von der Pestpneumonie befallene Kranke zer­stäubt mit seinen Hustenstößen Pestbazillen, die in Sputumtröpfchen gehüllt, vor der sofortigen Eintrocknung geschützt sind (Geiimano). Luftinfektionen auf Entfernung sind aber wohl auszuschließen. Die Lungenaffektionen ausgenommen, ist sonst Hin­durch Berührung der infektiösen Ausscheidungen des Pestkranken eine Über- tragung denkbar. Bei den Bubonenkranken ist, solange der Bubo unerüft'net bleibt, der Herd der Krankheit nach außen abgeschlossen. Dagegen können die Aus­scheidungen des Kranken, Harn und Kot, Pestbazillen enthalten, sobald die Allge­meininfektion eingetreten ist. Im Buboneneiter sind Pestbazillen, oft sind sie aber, sobald der Bubo spontan aufbricht, nicht mehr kulturell nachweisbar oder schwach virulent. Bei sachgemäßer Pflege ist die Infektionsgefahr sowohl, was die künstlich eröffneten, als auch, was die von selbst aufgebrochenen Bubonen anbelangt, durch den darüber angelegten Verband wieder lokalisiert und eingeschränkt. Karbunkel und Hautblasen enthalten auch Pestbazillen, sind also auch direkt infektiös. Nicht nur bei Lungenpest, sondern auch bei Bubonenpestfällen kann das Sputum Pestbazillen enthalten; es müssen da nicht Lungenabszesse, Bronchialkatarrlie oder pneum. Herde nachweisbar sein, sondern die so häufig vorhandene Rötung des Rachens und Schwellung der Tonsillen kann mit Anwesenheit von Pestbazillen im Sputum einlier- gehen. Auch der Rekonvaleszent bietet oft noch lange Zeit hindurch Gelegenheit zur Ansteckung. So wurden von Gottschlich (Alexandrien) und Vagedes (üporto) bei Pestpneumonikern im Stadium der Rekonvaleszenz noch nach vielen 'Wochen Pestbazillen im Sputum nachgewiesen.

Die Aufzählung der Infektionsmöglichkeiten bei einer Infektionskrankheit darf nicht verwechselt werden mit der Frage nacli der tatsächlichen Infektionsgefahr. Es wäre ganz unwissenschaftlich, diese aus den Infektionsgelegenheiten theoretisch herauszukonstruieren, weil dabei alle die komplizierten Umstände und Faktoren, welche eine theoretisch mögliche Infektion wirklich zustande kommen lassen, un­berücksichtigt blieben. Uber die Infektionsgefahr können also niemals rein theoretische Erwägungen aufklären, sondern nur die praktische Erfahrung, die nur durch die Tätigkeit bei Pestepidemien gewonnen werden kann.

Und aus dieser Erfahrung heraus kann man sagen, daß die Gefahr der An­steckung durch Bubonenpestkranke bei Spitalsptlege für Arzte und Pfleger gering ist, vielleicht noch geringer als bei Typhus, und daß sie selbst für Lungenpest­kranke auch ohne Anwendung anderer Maßnahmen, als sie sonst für Infektions­krankheiten üblich sind, nicht sehr groß ist. Das Unheimliche der Pest liegt nicht in der Infektiosität, denn diese kann man durch einige Vorsicht sehr einschränken, sondern in der meist sehr hohen Mortalität, gegen die jede Therapie fast macht­los ist.

Die Pestleiche ist, schon unerüffnet, natürlich meist ebenfalls eine Infektions­quelle. Der an einer akuten Form der Pest Erkrankte stirbt gewissermaßen auf