Bazillenruhr.
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Giftes der Ruhrerreger. Dieses letztere bewirkte die Schwächung des Herzens und der Vasomotoren.
In einer großen Anzahl von Fällen beherrschten aber diese Kreislaufstörungen das Kraukheitsbild und gefährdeten das Leben. Eine wirksame Behandlung dieser Zirkulationsstörungen erhielten in manchen Fällen das Leben der Kranken genügend lange, um den Ablauf einer sonst tödlichen Infektion überdauern zu können. Dementsprechend müßte von vornherein der größte Wert auf die Beobachtung der Kreislaufstörungen gelegt werden.
B. Spezielles.
1. Akutes Stadium. 1. Spezifische Behandlung. Das augenblickliche therapeutische Bestreben geht dahin, ein Mittel ausfindig zu machen, das imstande ist, den Ruhrerreger selbst zu vernichten, also eine spezifische Behandlung der Ruhr möglich zu machen. In dieser Beziehung sind Versuche von Kruse, Shiga, Rosenthal x ) und Gabritschewsky angestellt worden. Shiga hat angegeben, daß er in Japan mit Hilfe seines Serums die Mortalität der Ruhr, die sonst 30—40% betrug (10000 Fälle), auf Null heruntersetzen konnte. Flexner aber fand auf den Philippinen das Shiga' 'sehe Serum wenig wirksam. Das dürfte seinen Grund wahrscheinlich darin haben, daß das von Shiga hergestellte Serum lediglich auf den KRUSE-SniGA’schen Bazillus, nicht aber auf den FLEXNER’schen Bazillus wirkt. Es ist daher ein Serum hergestellt worden, das auf beide Ruhrbazillen arten zugleich wirkt. Ford gibt an, daß er mit diesem Serum bei Einspritzung von 10 ccm bei zwei Fällen, die bereits moribund waren und bis dahin auf keine Behandlung reagiert hatten, prompte Genesung erzielte. Allerdings soll dieses Serum sehr ungleich in seiner Wirkungsweise sein. Ob es möglich sein -wird, das Serum stets in gleich gut w r irkender Kraft herzustellen, bleibt abzuwarten. In der Praxis hat also die Anwendung des Ruhrserums vor der Hand noch ihre Schwierigkeiten.
Trotzdem müssen die Versuche, ein heilkräftiges Serum zu gewinnen, fortgesetzt werden, weil auf diesem Wege — wenigstens gegen die Bazillenruhr — ein Specificum geschaffen werden kann.
2. Medikamentöse Behandlung, a) per os.
Wir sind also zurzeit bei der Behandlung der Bazillenruhr vorwiegend auf die durch die klinische Erfahrung als nützlich erkannten Mittel angewiesen. Nun haben wir aber 3 Mittel, die zweifellos eine gute Allgemeinwirkung bei der Ruhr zeigen. Es fragt sich nur, ob wir irgendwie einen Fingerzeig finden können, der uns die gute Wirkung dieser 3 Mittel — Ipecacuanha, Kalomel und die Salina — verständlich machte. Ich glaube, wir können in dieser Beziehung auf den im vorigen Kapitel erwähnten Versuch Uffelmann’s zurückgreifen. Uffelmanx fand ja, daß die Gallenabsonderung aus einer Gallenfistel in einem Falle von epidemischer Ruhr am 2. Krankheitstage aufhörte und erst am 9. wieder begann. Es ist also denkbar, daß die mangelnde Gallenabsonderung bei der Bazillenruhr in Betracht kommt und daß es vielleicht durch ein Herbeiführen von Gallenabsonderung gelingen kann, den Verlauf der Ruhr günstig zu beeinflussen. Diese Erwägung erscheint insofern berechtigt, als die Galle ja von großem Einfluß auf die Darmfäulnis ist und man sich vorstellen kann, daß sie durch ihre Gegenwart entweder die Ruhrbazillen selbst oder sekundär
J ) Auch Rosenthal berichtet sehr günstig. Die Mortalität, die in den Krankenhäusern Petersburgs 10—11% betrug, konnte er auf 4,5% herabsetzen. Es wurde je nach Schwere des Falles 20—60 ccm Serum verbraucht. Konnte das Serum schon innerhalb der ersten 3 Tage angewendet werden, so trat Heilung in 1—2 Tagen ein, ohne daß die sonst üblichen Methoden der Ruhrbehandlung angewendet worden wären. Aus dem Bericht von Berghing ist aber kein brauchbarer Schluß zu ziehen.