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Dr. R, Rüge.
Untersucht man solche Leute, so findet man gewöhnlich die linke Fossa iliaca druckempfindlich und fühlt hier das Colon descender.s und die Flexura sigmoidea als verdickten, druckempfindlichen Strang. Seltener hat die chronische Erkrankung ihren Sitz im Coecum, öfter wieder an den Flexuren.
Wie Nehrkorn in einem Falle während der Operation naclnveisen konnte, ist die Darmwand hei chronischer Dysenterie verdickt, infiltriert, ödematös, die Serosa wie fibrinös belegt. Im Falle Nehrkorn’s fanden sich nach Eröffnung des Darmes in der Flexura iliaca pfennigstückgroße Geschwüre, die bei der geringsten Berührung bluteten. Der Kranke hatte infolgedessen andauernd an Blutungen gelitten, oft rein blutigen Stuhl entleert und war so anämisch geworden, daß er nur noch 35°/ 0 Hämoglobin und 1800000 rote Blutkörperchen im cmm hatte. Die Rekonvaleszenz nahm Monate in Anspruch. Selbst noch 7 Wochen nach erfolgreicher Operation war bei gutem Allgemeinbefinden der Hämoglobingehalt erst auf 75 °/ 0 gestiegen.
Heilen große Geschwüre, so bilden sich Narben und diese verursachen dann Verengerungen oder Abknickungen des Darmes, so daß die Stuhlentleerung sehr erschwert sein kann. Treten solche Komplikationen aber nicht ein, so können Leute, die an chronischer Ruhr leiden und sich unter günstigen äußeren Bedingungen befinden, sich für längere Zeit eines verhältnismäßig erträglichen Allgemeinbefindens erfreuen.
Die von Curry, Strong, Musgrave und Ford beobachteten Fälle von Misch- infektion zwischen dem Bazillus Flexner und der Ruhramöbe boten klinisch keine Besonderheiten. Der von Ford beobachtete Fall komplizierte sich allerdings mit einem Leberabszeß.
Behandlung.
A. Allgemeines.
So lange als wir noch nicht über ein in praxi anwendbares spezifisches- Mittel gegen die Ruhr verfügen, sind wir auf die symptomatische Behandlung angewiesen. Soll nun die Behandlung erfolgreich sein, so müssen wir dahin streben, diejenigen Symptome, zu beseitigen die den Körper ungeeignet zum Überstehen der Krankheit machen. Zu diesen Symptomen gehören: 1. die Durchfälle und die dadurch bedingte Ruhe- und Schlaflosigkeit, die den Kranken erschöpfen, 2. das Darniederliegen der Leberfunktion (Uffelmann) und 3. drohende Herzschwäche und Schwächung resp. Lähmung der Vasomotoren.
Mau darf ja nicht etwa glauben, daß man den Durchfall allein durch Opiate- bekämpfen dürfte. Das würde ein verhängnisvoller Irrtum sein. Opiate dienen lediglich dazu, heftige Leibschmerzen zu lindern und dem Kranken Ruhe zu verschaffen. Sie sollen in Gestalt von Morphium subkutan nicht über 5 mg und als- Pulv. Dow', nicht mehr als zu 0,2—0,3 pro dosi gegeben w'erden. Bei leichteren Fällen, ehe es zu Kreislaufstörungen kommt, scheint schon die Anregung der Leberfunktion von sehr gutem Erfolg zu sein. Wenigstens spricht dafür die gute Wirkung jener 3 Mittel, die sich bis jetzt in der Ruhrbehandlung dauernd ihren Platz behauptet haben. Auf den dritten der oben angeführten Punkte hat namentlich Nenninger hingew'iesen, gestützt auf die Arbeiten von Pässler und Romberg. Er führt aus, daß in vielen Fällen die Hauptgefahr in einer Schwächung des Herzens und einer Schwächung resp. Lähmung der Vasomotoren liegt. Der durch die Durchfälle bedingte Wasser- und Ehveißverlust könnte allein den Körper nicht derartig angreifen, daß die Kranken manchmal schon nach wenigen Tagen erlägen. Es müssen da noch andere Faktoren mitw'irken. Es kämen dabei in Betracht: 1. eine durch die erhöhte Darmfäulnis bedingte intestinale Autointoxikation und 2. die Wirkung des-