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Dr. R. Rüge.
herrscht, die Epidemien fast immer im Hochsommer und Herbst wiederkeliren. Diese Erscheinung könnte man aus den Lebenseigenschaften des Ruhrbazillus erklären. Wir wissen aus den Untersuchungen I’fuhl’s, daß der Ruhrbazillus bei einer Temperatur, die zwischen 1,5° und 15° C schwankt, in feuchtem Erdboden bis 101 Tage lebensfähig bleiben kann. Mau konnte also sagen, der Ruhrbazillus überwintert. Denn bei den Ruhrepidemien finden wir stets noch im Dezember einzelne Nachzügler und im April des nächsten Jahres schon wieder einzelne neue Fälle. Eine Überwinterung von Ruhrbazillen und eine Verbindung der einzelnen Epidemien auf diese Art wäre also denkbar. Allerdings müßte dann angenommen werden, daß während des Winters der Ruhrbazillus seine Virulenz verlöre und erst im Sommer wieder gewönne. Das ist aber mehr als unwahrscheinlich. Die zwischen den einzelnen Ruhrepidemien vorhandene Verbindung muß also anderer Art sein. Das ist in der Tat auch der Fall. Es sind die über den Winter sich hin- ziehenden einzelnen chronischen Erkrankungen, die Rückfälle oder Späterkrankungen und die gesunden Bazillenträger, welche die Verbindung zwischen den einzelnen sommerlichen Epidemien vermitteln. So gibt z. B. Kriege an, daß eine Kette von Einzelerkrankungen, die sich durch Winter und Frühjahr bis zu den ersten Sommermonaten hinzog, die Bazillenruhrepidemien in Barmen 1890-1901 verband. Im Anschluß an die Döberitzer Epidemie, die vom Juli bis September 1901 herrschte, erkrankten bei den befallen gewesenen Truppenteilen noch im Februar und März 1902 4 Mann, die bis zu ihrer Erkrankung vollkommen gesund gewesen waren, „und deren Erkrankung in unmittelbare Beziehung zur Döberitzer Epidemie gebracht werden mußte 4 '. Man muß hier also annehmen, daß diese Leute lange Zeit, ohne Schaden zu leiden, Ruhrbazillen in ihrem Darme beherbergt haben.
5. Morbidität und Mortalität. Die Rührsterbliclikeit in den verschiedenen Gegenden der Erde ist schon bei der Verbreitung der Ruhr besprochen worden. Hier soll nur noch hinzugefügt werden, daß Kinder sehr viel öfter als Erwachsene erkranken und das hat seinen Grund darin, daß sich die Kinder infolge ihrer Lebensgewohnheiten sehr viel leichter infizieren als Erwachsene, denn sie spielen auf der infizierten Erde (Bornträger) oder in infizierten Hauswässern (Kriege) und stecken bei jeder Gelegenheit die Finger in den Mund. Aber die Kinder erkranken nicht nur öfter, sie erliegen der Ruhr auch leichter, ebenso wie alte Leute. Kriege gibt für die Barmener Epidemien 1899 1901 folgende Zahlen. Es starben
1— 5
Jahren
25,3 °/<
5—10
r
12,2 0 <
10—50
r
4,1 °/<
50
V
20 °/<
im Alter von
Von 100 Gestorbenen kamen 55 auf ein Alter von 1—10 Jahren
„ 100 ,. ., 22 „ „ „ „ 10-50 „
,, 100 „ „ 23 „ „ höheres Alter.
Rückfälle werden in etwa 2°,o—3% der Fälle beobachtet.
Verlauf und Kraukheitsersclieinungen.
Symptomatologie.
a) Akutes Stadium. In diesem Stadium ist die katarrhalische und die brandige Ruhr unterschieden worden. Es ist schon im Kapitel „Pathologische Anatomie“ auseinander gesetzt worden, weshalb es nicht nötig ist, diese zwei besonderen