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Bd. 2 (1905)
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Prof. Dr. Georg Sticker.

muskulatur. Sie entsprechen den Stellen für den Hautursprung der Gesichts- muskeln, für den Corrugator supercilii, den Corrugator nasi, die Hautportionen des Buccolabialis und des Platysma. Hie beim Mienenspiel entstehenden Verschiebungen der Gesichtshaut können um so weniger ohne Einfluß auf den Lymplitransport an den in Rede stehenden Stellen sein, als diese tote Punkte für das Mienenspiel darstellen.

Ich werde nun nicht weiter ausführen, daß solche toten Punkte für die Lymph- bewegung auch am Nervensystem Vorkommen, und daß gerade sie die Prädilektions­stellen des Leprabazillus sind. Überall wo ein Nerv vorübergehend oder dauernd gedrückt, gezerrt, umgebogen wird, oder wo eine Erweiterung seiner Lymphräume stattfindet, muß eine zeitweilige oder dauernde Stase der Lymphe erfolgen; und hier wird der Leprabazillus, den der Lymphstrom mitschleppt, am ehesten zur An­siedlung kommen. Solche Stellen sind die Ausbreitungen der sensiblen Nerven und ihrer Lymphscheiden in der Haut, die Beugungsstellen der Nervenstämine, ihre Durchtrittstellen durch Muskeln und Fascien, die Lymphseen an den Intervertebral­ganglien usw.

Die Anwendung ergibt sich von selbst, gleichviel ob die Einwanderung der Leprabazillen von der Peripherie her in die Nervenlymphbahnen erfolgt (ascendie- rende Perineuritis) oder vom Zentrum her geschieht (Meningitis spinalis leprosa, Neuritis descendens etc.).

Ein weiterer Weg für die Verbreitung des Leprabazillus außerhalb der Lymph- bahnen könnte die Blutbahn sein. Wenn er benutzt wird, so ist das jedenfalls sehr selten und es fragt sich dann immer noch, ob die Einwanderung ins Blut direkt oder indirekt auf dem Wege der Lymphbalinen und endlich durch den Ductus thoracicus erfolgte oder vermittels des Einbrechens eines leprösen Herdes aus den Lymphräumen in ein Venenlumen. Bei der akuten Aussaat des makulösen Exanthem, von welchem einzelne Lepröse unter großen Schmerzen periodisch heimgesucht werden, hat man den Bazillus im Blut nachweisen können. Außer solchen Fällen sind es dann Fälle hochgradiger Leprakachexie, in denen der Bazillus gelegentlich im Blut kreist. Endlich hat man den Leprabazillus hier und da im Blute gefunden, wenn den Kranken Jod gereicht oder Tuberkulin injiziert worden war. In den weitaus meisten Fällen von Lepra mißlingt in ungezählten Blutproben die Nach­weisung des Bazillus im Blute stets.

Die Weiterverbreitung der Leprabazillen vom Primäraffekt in der Nase auf Haut, Schleimhäute, Nerven und Eingeweide geschieht also der Regel nach durch die Lymphwege; in einzelnen Fällen vielleicht durch die Blutbahn.

Diagnose.

In ausgeprägten Fällen ist es leicht, ohne weiteres die Diagnose Lepra aus dem Krankheitsbild unter Berücksichtigung des Verlaufes, der Verwandtschaft, der Herkunft und der Umgebung des Kranken zu stellen. Auch in den Anfangs­stadien des Leidens gestatten einige charakteristische Frühsymptome die Wahr- sclieinlichkeitsdiagnose, so das Schwinden der Augenbrauen, die starre Schwellung der Augenbrauengegend. Ein einzelner Knoten kann durch seinen wachsartigen Glanz, sein feines Gefäßnetz und ganz besonders durch die Anästhesie, welche er nach längerem Bestehen zeigt, dem Erfahrenen die Möglichkeit beginnender Lepra nahelegen. Man darf nicht vergessen, daß das initiale Gesichtserythem mit der einfachen Rosacea verwechselt werden kann, und daß einzelne Knoten im Gesicht eine beginnende Acne vulgaris, eine Syphiliseruption, Frambösiepapeln usw. Vor­täuschen können. Auch muß man sich erinnern, daß die ausgebiidete Facies leonina