Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1905)
Entstehung
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187
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Aussatz oder Lepra.

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denen die Seuche am stärksten wütet, außer den Nachteilen der Unreinlichkeit auch die Nachteile einer ungenügenden und minderwertigen Ernährung wirken. Sie alle nähren sich mit stickstoffarmer Kost. In Indien und China ist Reis die vorwiegende oder aus­schließliche Nahrung der unteren Klassen; in Skandinavien und Island ist es das Fett; in Westindien und auf den Inseln des Stillen Ozeans sind es Vegetabilien verschiedener Art; auf den Sandwichinseln dienen Pasten aus Colocasia esculenta, im Sudan Mehl­suppen von Dhurra und Yam als Hauptnahrung oder alleinige Nahrung. 80% aller Sudanesen sind Vegetarier im selben Sinne wie die Buddhisten Asiens. An den Küsten wird die Pflanzennahrung vielfach durch Fischkost ergänzt oder ersetzt, und daß dann halbfäule oder gesalzene Fische nicht selten allein das Nahrungsbedürfnis der Armen befriedigen müssen, wird übereinstimmend aus Japan, China, Indien, Madeira, Brasilien usw. berichtet.

Die Notwendigkeit vorhergegangener Entkräftung zum Zustandekommen der Lepraerkrankung wird auch dadurch dargetan, daß in Lepragegenden alle schwächen­den Wirkungen, die das gemeine Volk treffen, Kriegszeiten, Hungersnöte, Seuchen eine Vermehrung der Lepra zu hinterlassen pflegen und daß bei manchen Menschen, die bereits längere Zeit der Ansteckungsgefahr entrückt waren, noch nachträglich Gefängnisleben, Krankheit, häufige Geburten das Übel zum Ausbruch gebracht haben.

Über die Eintrittspforte des Leprabazillus in den menschlichen Körper werden wir bei der Pathogenese ausführlicher sprechen; hier sei nur an­gegeben, daß man bisher, in der Meinung, der Erreger dringe durch die Haut der Hände, Füße usw. ein, alle Impfexperimente immer nur von der Haut aus ange­stellt und, wie bereits gesagt, vergeblich angestellt hat. Dieses Misslingen beseitigt übrigens zur Genüge die Anklage derer, welche die Ausbreitung der Lepra der Pockenschutzimpfung oder der Tätowierung zur Last legen.

Pathologische Anatomie.

Die krankhaften Veränderungen an den von der Lepra ergriffenen Körperteilen pflegen sich auf einfache Infiltrationen der Gewebe mit Leprabazillen zu be­schränken, derart daß auch nicht die geringste Reaktion von seiten der Gewebe sichtbar ist. Hier und da zeigen sie sich als schwächere Grade der Entzündung in der Nähe der Bazillenherde; als stärkere bis zur Eiterung nur dann, wenn mit dem Leprabazillus Eiterkokken zugleich einwirken. Öfter stellen sie sich als lokalen Gewebstod dar, von der einfachen Zellnekrose bis zum größeren Defekt mit oder ohne Narbenbildung.

Die sogenannten Leprazellen gehören der zellularpathologischen Ver­gangenheit an, in welcher man besonders für die Differentialdiagnose der soge­nannten heterologen Neubildungen nach spezifisch histologischen Merkmalen suchte und solche finden mußte. Sie haben sich als glöale Bazillenmassen entpuppt, die zum Teil als Inhalt gewöhnlicher Zellen den Zellkörper aufgetrieben und den Zell­kern an die Peripherie gedrängt haben, zum Teil aber, und in vorgeschrittenen Fällen wohl zum größeren Teil, nichts weiter sind als Ausfüllungen der Saftlücken und der kleineren und größeren Lymphwege, in denen sie, entsprechend dem eigen­tümlichen Bau dieser Gänge, knotige Anhäufungen (sog. Globi) bilden. Diese zeichnen sich schon für das bloße Auge durch ihren wachsartigen Glanz und oft durch eine gelbliche oder bräunliche Farbe aus. Von Anilinfarben werden sie stark gefärbt und lösen sich unter dem Mikroskop in mehr oder weniger große Haufen stark gefärbter Bazillen mit farblosem Schleimmantel auf oder sie bilden eine von feinen Farbkörnchen erfüllte homogene Masse. Die Bazillen pflegen in größerer Zahl zusammenzuliegen; meistens bilden sie zigarrenbündelähnliche oder garbenähnliche Anhäufungen oder dichte Nester und Kugeln.