Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1905)
Entstehung
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184
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Prof. Dr. Georg Sticker.

Uber den Ursprung der Lepra wird man also heute nur so viel sagen: Es ist bisher nicht gelungen, Behauptungen, daß ihr Keim außerhalb des Menschen­geschlechtes vorkomme, mit bestimmten Beweisen zu stützen. Vielmehr spricht manches, was wir bei der Ätiologie der Lepra anzuführen haben, dawider. Ein abschließendes Urteil, die Lepra sei nur im Menschengeschlecht einheimisch, wäre indessen voreilig. Das hat man auch lauge Zeit von der Tuberkulose behauptet und für unumstößlich gehalten. Jetzt fangen wir an, die Kette von einem harm­losen Schmarotzer des Wiesenfutters zur Bindertuberkulose und von dieser zur Tuberkulose des Menschen zu sehen. Wer dieses und die jüngst gefundenen und experimentell erzeugten lepraähnlichen Erkrankungen von Kaltblütern, Batten und Mäusen berücksichtigt, wird die Möglichkeit, daß bestimmte Tiere oder Pflanzen (Quellen und Urträger der Lepra seien, wenigstens offen lassen.

Bakteriologie.

Als Erreger der Lepra gilt heute allgemein und wohl mit Beeilt ein be­stimmter Bazillus, der Leprabazillus. Im Jahre 1874 zuerst von IIaxsex an nor­wegischen Leprakranken gesehen, wurde er in seiner ganzen und vollen Bedeutung von Neisseii im Jahre 1879 entdeckt und bekannt gemacht als der stete Begleiter aller leprösen Krankheitsformen in den verschiedensten Ländern der Erde, in Deutsch­land, Norwegen, Spanien, Brasilien, Bumänien, Palästina, Ostindien, Holländisch Guyana, Batavia. Es ist heute kein Zweifel mehr, daß der Leprabazillus der charakteristischste Teil in den leprösen Krankheitsprodukten und für die Diagnose der Lepra ausschlaggebend ist. Den Namen des Lepraerregers beansprucht er aber immer noch nur auf Grund von Analogieschlüssen. Man hat ihn bisher weder auf Tiere noch auf Menschen (Sträflinge, Studenten, Ärzte usw.) mit zweifellosem Er­folg übertragen.

Sehr ähnlich dem später gefundenen Tuberkelbazillus, dem Botzbazillus, dem Smegmabazillus usw. läßt er sich gleichwohl vermöge besonderer Eigenschaften in den Krankheitsprodukten genügend scharf von jenen unterscheiden.

Seine Länge entspricht dem halben oder drei Viertels Durchmesser des roten Blutkörperchens, seine Dicke nahezu dem zehnten Teil der Länge. Er mißt, anders ausgedrückt, in der Länge 4G //, in der Breite 0,30,5 (U. Er pflegt gerader, steifer zu sein als der Tuberkelbazillus und ist an den Enden meistens fein zuge­spitzt, bisweilen dagegen angeipiollen; oft stellt er sich deutlich als ein Körner- faden (Coccothrix) dar. In Ausstrichen von Gewebssäften und in Gewebsschnitten liegt er gewöhnlich in größeren Mengen, oft sogar massenhaft zusammen, in Pinsel­form oder Bündelforni oder zu Kugeln gehäuft. Diese Anhäufungen können sich einem scharfen Auge als kleine bräunliche Punkte oder gar als fischrogenähnliche Massen (Globi) darstellen. Deutlich wird der Leprabazillus erst durch eine Färbung, welche er nach Art des Tuberkelbazillus erleidet. Leichter als dieser nimmt er basische Anilinfarben an und hält sie, wenn auch nicht so hartnäckig, gegen Mineral­säuren fest.

Das folgende Verfahren, ihn deutlich zu machen, ist das gebräuchlichste:

1. Ausstrichpräparate: Der Nasenschleim, der Lungenauswurf von

Leprösen, der Saft ihrer Knoten, der Eiter ihrer Geschwüre usw. wird auf Deck­gläser oder Objektträger in möglichst dünner Schicht zart ausgebreitet. Nachdem das Präparat an der Luft vollständig trocken geworden ist, wird es durch Erhitzen des Glases in der freien Flamme oder durch Einlegen in absoluten Alkohol für ein paar Stunden oder durch minutenlanges Verweilen in einer Mischung von 1 Teil 10 % iger wässeriger Formollösung und 9 Teilen Alkohol gehärtet. Dann färbt man