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Prof. £. BXr.z und Prof. Kinnosuke Miura.
kommen, nachdem die Beriberizone längst verlassen ist. Wir stellen uns den Vorgang als eine plötzliche En11 adung summierter Beize, als eine Art Auslösung vor, ebenso wie den epileptischen oder eklamptischen Anfall, den Schüttelfrost etc. 1 )
Wenn wir auf eine latente Form des Beriberi nur indirekt schließen können, so ist kein Zweifel, daß es eine
abortive Form gibt, bei welcher die Erscheinungen so leicht sind, daß sie häufig weder vom Patienten noch vom Arzt erkannt oder auch nur ernstlich beachtet werden. Hierher gehört ein Gefühl von Schwere in den Beinen und von Unsicherheit in den Knieen, das sicli in den Sommermonaten zeigt und bald wieder von selbst verschwindet. Es wird leicht der Sommerhitze zugeschrieben und in seiner Bedeutung erst erkannt, wenn der Patient später einen ausgebildeten Anfall bekommt, oder wenn er von anderen die Beriberisymptome erfährt. Dasselbe gilt von unbedeutendem, manchmal Zeiten weise ganz verschwindendem Kribbeln oder Taubheit in der Haut der Unterschenkel, oder von Herzklopfen bei leichten Anlässen.
In Beriberigegenden ist die Kenntnis solcher Zustände wichtig, da durch ihre Beachtung oft einer weiteren Entwicklung der Krankheit vorgebeugt werden kann.
Hamilton Wkigth nimmt, an, daß die Krankheit stets nach einer Jnkubations- dauer von 10—20 Tagen unter den mehr oder weniger deutlichen Erscheinungen einer gastroduodenalen Reizung von 20—40 tägiger Dauer ihren Anfang nimmt, auf welche die verschiedenen weiteren Störungen folgen.
Die ausgebildete Krankheit präsentiert sich klinisch wesentlich in vier Formen, die übrigens oft ineinander übergehen: 1. die leichte sensibelmotorische Form; 2. die trockene atrophische Form; 3. die hydropisch-atrophische Form; 4. die perniziös-akute Form.
1. Sensibel-moto rische Form.
Diese leichte Form ist zugleich die häufigste; sie zeigt sich meist in den heißen Sommermonaten. Der Kranke fühlt, zuweilen nachdem allgemeines Unwohlsein, Vollgefühl in Epigastrium, Verstopfung u. dgl. vorausgingen, nach einem längeren Spaziergang oder anstrengenden Marsch oder beim Aufstehen aus der sitzenden Lage Unsicherheit und Schwäche in den Beinen, als ob dieselben unter der Körperlast zusammenknicken wollten oder als ob sie zu schwer geworden wären. In anderen Fällen bleibt Taubheit d e s F u ß rückens, der Vorder- und Außenfläche der Unterschenkel oder der Innenseite derselben eine Zeitlang fast das einzige Symptom. Die Wadenmuskel, seltener die Oberschenkel- und Vorderarmmuskel sind bei Druck schmerzhaft. Dazu kommt meist Herzklopfen bei Körperbewegung und öfters eine Spur von Odem an den Tibiakanten. Der Sehnenreflex am Knie ist in der Hälfte der frischen Fälle erst gesteigert, später erloschen. Die Temperatur ist normal, der Puls bei dieser Form wenig alteriert, die Herztöne können etwas unrein sein, die Urinmenge ist kaum oder mäßig vermindert. Lunge, Leber und Milz liefern keine Symptome. Der Appetit ist öfter etwas gestört, mäßige Verstopfung ist die Kegel. Sehr häufig bleibt die Krankheit auf diesem Stadium längere Zeit stehen und geht nach Eintritt der kühleren Jahreszeit in Heilung über. Oft aber beobachtet man statt einer Besserung ein Fortschreiten der Symptome, und dann haben wir
2. die trockene atrophische Form
vor uns. Hier tritt die Atrophie und Lähmung der Unterschenkel immer mehr in den Vordergrund. Oberschenkel, Hände und Arme kommen weiter an die Reihe
0 Vgl. dazu E. Balz: Das Nervensystem bei fibrinöser Pneumonie. Mitteilungen der mediz. Fak. der Universität Tokyo 1887.