Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1905)
Entstehung
Seite
155
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Beriberi oder Kakke (Polyneuritis endemica).

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So erklärt sich wohl auch der Bericht Mansons aus Kuala Lumpor auf der malayi- schen Halbinsel. Dort wurde ein neues Gefängnis gebaut, und bald, nachdem es bezogen war brach unter den Insassen Beriberi mit großer Intensität aus. Sobald die kranken Gefangenen ins alte Gefängnis zurückgebracht wurden, ließ die anfangs enorme Sterblich­keit sofort nach, es kam hier kein einziger neuer Fall vor, -während im neuen Gefängnis bei ganz gleicher Ernährung wie im alten immer wieder frische Erkrankungen sich zeigten.

Hamilton Wrigth betrachtet die Exkremente der Kranken als die gefährlichste Infektionsquelle und erzielte durch Desinfektion gut Erfolge.

Auf welchem Wege das Gift in den Körper gelangt, ob durch die Atem­oder Yerdauungsorgane oder von der Haut, von den nackten Füßen aus, darüber läßt sich noch nichts irgendwie Sicheres sagen.

Maxson ist geneigt, Haut oder Atemwerkzeuge als Eintrittsort des lebenden Keims anzuerkennen.

Einen Einfluß von Insekten auf die Verbreitung haben wir bis jetzt nicht konstatieren können. Moskito können es nicht gut sein, da die Krankheit auch in einer Jahreszeit vorkommt, wo es gar keine Moskitostiche gibt, van der Scheer hält es für möglich, daß Ungeziefer im Hause, z. B. Schaben, bei der Übertragung ein Rolle spielen.

Verlauf und Kraukheitserscheimingen.

S y m p t o m a t o 1 o g i e. x )

Hier ist zunächst die Frage zu erörtern, ob es nicht eine latente Form der Beriberi gibt, welche erst durch irgend welchen den Körper schädigenden Vorgang, ein Trauma, eine interkurrente Krankheit, eine Überanstrengung zum Ausbruch kommt. Es gibt in der Tat allerlei Erfahrungen, die für eine solche Auffassung sprechen, z. B. die blitzartigen Fälle, die fast nur bei sehr kräftigen und muskulösen Menschen Vorkommen. So erinnere ich mich eines Falles, in dem ein sehr starker Kocli vor einem Bekanntenkreise seine Athletenkunststücke produzierte, Säcke von mehreren Zentner Gewicht über den Kopf hob etc. Er fühlte sich in der Nacht darauf unbehaglich und war nach 24 Stunden an akuter Beriberi tot.

Oder die öfters beobachteten Fälle, wo fast unmittelbar nach Operationen schwere, meist tödliche Beriberi auftrat bei Leuten, die vorher gar keine Zeichen davon geboten hatten. Auch die plötzliche Häufung von Beriberi bei Soldaten nach großen Strapazen könnte man so erklären. Endlich wurde schon bemerkt, daß Hi Rota für manche Fälle von Säugliugsberiberi eine latente Erkrankung der Mutter annimmt.

Freilich kommen auch bei anderen Infektionen, bei Cholera, tropischer Malaria, epidemischer Cerebrospinalmeningitis akuteste Fälle vor, bei denen wir die Hypothese einer Latenzperiode nicht zu Hilfe nehmen, obwohl sie vielleicht auch hier nicht ganz von der Hand zu weisen wäre. Denn es ist schwer, sich vorzustellen, daß ein eindringender lebender Parasit so schnell sich vermehren und seine Gifte produzieren könne. Dagegen gibt die Annahme einer vorherigen Latenz eine befriedigende Er­klärung, besonders wenn sich, wie in der chirurgischen Universitätsklinik in Tokyo, solche Fälle immer in bestimmten Zimmern wiederholen; oder wenn die Fälle auf Schiffen bei Chinesen oder Japanern auf dem Wege nach Europa zum Ausbruch

b Für die Darstellung der Symptomatologie folgen wir dem von Balz in seinen Infektionskrankheiten in Japan (Tokyo 1882) befolgten Plan, welchen später auch Scheube in seiner Monographie und in seinenKrankheiten der warmen Länder der Beschreibung zugrunde legt, und wir geben also zuerst ein übersichtliches klinisches Krankheitsbild und nachher eine Analyse der einzelnen Symptome.