Teil eines Werkes 
Bd. 3 (1906)
Entstehung
Seite
606
Einzelbild herunterladen
 

606

W. B. Leishman.

Symptomatologie.

Das klinische Bild des Einzelfalles ist in den einzelnen Stadien der Krank­heit sehr verschieden. Die Mehrzahl der unten genauer beschriebenen Krankheits­erscheinungen kann man mit großer Wahrscheinlichkeit im zweiten oder dritten Stadium, wenn die Krankheit auf der Höhe steht, erwarten. Im ersten Stadium (s. u.) ist es oft schwer, wenn nicht unmöglich den Zustand von anderen fieberhaften Er­krankungen, besonders Malaria, zu unterscheiden, welche einen ähnlichen Symptom­komplex bieten. Nur der Nachweis der Parasiten im Milz- oder Leberblute sichert liier die Diagnose.

Der zwischen der epidemischen Form, wie sie in Assam beobachtet wird, und der in Calcutta, Madras und wahrscheinlich der übrigen Tropenwelt vorkommenden endemischen Form hervortretende Unterschied in den Symptomen ist nur graduell und nicht wesent­lich. Die Epidemie, welche über Assam im Laufe der letzten zwanzig Jahre hinweg­gezogen ist, hat die endemische Form zurückgelassen. Sporadische Erkrankungen kommen noch in Gegenden vor, welche längst von der epidemischen Form frei sind und unterscheiden sich in keinem wichtigen Punkt von der gewöhnlichen endemischen Form.

Auch die Sterblichkeit ist bei beiden Formen nicht sehr verschieden, bei beiden ist Genesung leider ein seltenes Vorkommnis.

Allgemeinbefinden und äußere Erscheinung.

Während anfänglich das Krankheitsbild nur wenige charakteristische Züge auf weist, treten diese im weiteren Verlaufe immer deutlicher hervor. Die fort­schreitende Blutarmut und Schwäche prägen sich schon bald in dem Aussehen der Haut und dem Schwund der Gewebe aus.

Die Haut fühlt sich hart und trocken an und soll bei Eingeborenen einen dunkleren Farbenton an nehmen. Von anderen Beobachtern wird diese Verände­rung jedoch geleugnet. Wenn sie vorhanden ist, rührt sie nicht von der Ablage­rung melanotischen Pigments wie bei Malaria her, sondern von trophischen Ver­änderungen.

Das Haar verliert seinen natürlichen Glanz und seine Geschmeidigkeit, wird trocken und brüchig und fällt stark aus.

Bei Europäern ist die Färbung der Haut im vorgeschrittenen Stadium der Krankheit ganz charakteristisch, die bleiche Erdfarbe erinnert mehr an Leichen auf dem Sektionstische als an einen lebenden Menschen. Wie beim Farbigen fühlt sich die Haut hart an, ohne jedoch dunkler oder stärker pigmentiert zu sein.

Während des zweiten und dritten Stadiums (s. u.) treten die Kachexie und Ab­magerung immer mehr hervor, die Kranken gleichen oft wandelnden Skeletten, deren dürre Gliedmaßen auffallend von dem durch die Milz- und Leberschwellung aufge­triebenen Bauche abstehen. Ausnahmslos tritt diese Abmagerung allerdings nicht ein. Einige Kranke zeigen noch bei weitvorgeschrittener Erkrankung einen leid­lichen Ernährungszustand.

Die auf den Hautdecken auftretenden Papeln und Geschwüre liefern Unter­suchungsmaterial für das Studium der Krankheitserreger.

Purpura und hämorrhagische Petechien werden in dem Krankheitsbilde selten vermißt. In allen mir bekannten Fällen waren sie in dem einen oder anderen Stadium der Krankheit stets vorhanden.

Fieber. Der Verlauf des Fiebers ist, wie oben schon an gedeutet, in den einzelnen Stadien der Krankheit verschieden.

Im ersten Stadium wechseln Fieberanfälle mit Perioden völliger Apyrexie unter großen unregelmäßigen Schwankungen. Manchmal kann die Temperaturkurve