Teil eines Werkes 
Bd. 3 (1906)
Entstehung
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322
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Dr. Hans Ziemanx.

Lisgendre beobachtete eine solche Koinzidenz in Tonkin. In Bangkok in Siam,, welches sonst alle klimatischen und tellurischen Bedingungen für das Zustandekommen der Malaria bieten würde, erklärte man aus der sehr geringen Zahl der Anophelinen das spärliche Auftreten und die milde Natur der Malaria.

Ebenso fand Dejipwolff in Neuguinea starkes Vorkommen der Anophelinen parallel gehend mit starker Malariadurchseuchung. Auch am Suezkanal folgte die Verbreitung der Malaria durchaus der der Anophelinen, die ihrerseits auf die Wasserlöcher längs des Süßwasserkanals beschränkt waren.

Den Wert eines Experiments hatte eine Beobachtung Jancsös, welchem Mitte November 1901, als schon strenger Winter herrschte, 15 künstlich mit Perniciosaparasiten infizierte Anophelinen aus dem Laboratorium in die wärmeren Krankenzimmer entwichen. Ende November kamen neun Patienten, darunter zwei an Typhus erkrankte, mit Perni­ciosa in Zugang, und es zeigten sich in den wiedereingefangenen Anophelinen geplatzte Oocysten.

Indeß ergaben sich eine Reihe von Beobachtungen, ans denen hervorging, daß das Problem der Malariaepidemiologie doch noch viel komplizierter lag, als man ursprünglich vor aus setzte.

1. Schwinden der Malaria in Malariagegenden.

Man lernte Orte kennen, in denen früher schwere Malaria geherrscht hatte, wo die Zahl und Entwicklungsbedingungen der Anophelinen sich nicht im ge­ringsten veränderte, wo die Temperatur nach wie vor sehr wohl ausreichte, ev. gebildete Oocysten zur Ausreifung zu bringen, und wo doch die Malaria mit jedem Jahre geringer und milder geworden ist, ja, im klinischen Sinne eigentlich geradezu verschwand. Man beobachtete dort auch keinen neuen Ausbruch, trotzdem ständig Leute mit frischen Infektionen in diese Gegenden gelangen. (Meines Erachtens ist letzteres jedoch cum grano salis zu verstehen.)

Celei und Gaspf.rini fanden solche Landschaften in den sumpfigen Ebenen bei Lucca und Pisa, ferner an den Ufern der Seen von Fucechio und Biantina, sowie bei Massarossa.

Auch Galli-Valerio sah im Livinentlial in der Schweiz an manchen Orten ein Erlöschen der Malaria, wo früher intensive Malaria geherrscht hatte und jetzt trotz Fort­bestehens der Anophelinen nur wenige sporadische und leichte Fälle vorkamen. Auch der Kanton Waadt in der Schweiz zeigt ein ähnliches Verhalten. An einer stattgehabten Immunisierung der Bewohner gegen Malaria kann es nicht liegen, da dieselben in Ma­lariagegenden wie jeder andere an Malaria erkranken. In Deutschland berichteten Fokkk und Ziemann ein ähnliches Zurückgehen der Malaria in den Marschen, Püestinger und Grober in Thüringen, Nüttael in England, Sergent in einigen Bezirken der Essonne. Übrigens sah Verf. speziell in den Marschen in denjenigen Gegenden, in denen die Ma­laria noch jetzt endemisch herrscht, wie Budjadingen. Anopheles maculipennis in viel größeren Mengen, als in solchen, wo sie erloschen. In letzteren fehlen sie z. T. fast ganz, wie z. B. in der Stadt Wilhelmshaven.

Koch erklärt das Zurückg'ehen der Ma 1 aria in früheren Malaria- gegenden durch die stattgehabte starke Chininisierung der Be­völkerung. Celli, Schoo und Schüfexer erklären diesen Grund nicht als stich­haltig, da auch in den Gegenden, wo die Bauern massenhaft Chinin nehmen, die Malaria nicht abnähme. Da auch die älteren Landärzte eine rationelle Behandlung der Malaria nicht kannten, habe ich schon früher (1901) in der zweifellos statt­gehabten, starken Chininisierung der Bevölkerung früherer Malariagegenden nicht den einzigen Grund der Assanierung erblicken können. Es müßten eine Reihe ver­schiedener Faktoren, wie verbesserte Verpflegung, Wohnung, Bodendrainage usw. Zusammentreffen, um jenen Effekt im Veiein mit dem Chinin zu erzielen.