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Prof. Dr. A. Calmette.
Giftes, besitzen jedoch keine wirkliche Immunität. Nur Giftschlangen sind für enorme Dosen des eigenen Giftes unempfindlich, wie schon Fontana, Weir Mitchell und Viacd- Grandmarais festgestellt haben. Sie erliegen jedoch der Vergiftung durch den Biß von Schlangen, welche einer ganz verschiedenen Art angehören. So töten starke Dosen Bothrops- oder Crotalus-Gift die Cobra oder Bungarus, und wenn man verschiedene Giftschlangen in einen Kfiäg sperrt, so können sie sich gegenseitig durch wiederholte Bisse zu Tode bringen.
Die für das Gift der Hydrophidac besonders empfindlichen Fische erliegen auch leicht der Einimpfung des Giftes anderer Schlangen z. B. der Cobra.
Viele wirbellose Tiere, Blutegel , Krabben , Mollusken, Gastropoden (Schnecken) werden ebenfalls durch geringe Giftmengen getötet.
Wie schon oben angedeutet, ist die für die Menschen tödliche Dosis geuau schwer festzustellen, da verschiedene Umstände in Frage kommen; die Menge ist glücklicherweise nicht immer ausreichend, wie aus den offiziellen Statistiken des die meisten und gefährlichsten Giftschlangen bergenden Landes, Indien, hervorgeht, wonach die mittlere Sterblichkeit unter den Gebissenen 35 % nicht überschreitet. Durch den Tierversuch mit bekannten Mengen des getrockneten und in einer stets gleichen Menge physiologischer Kochsalzlösung oder sterilen destillierten Wassers wieder gelösten Giftes kann man für jede Art Gift und Reptil die tödliche Minimaldosis genau feststellen. Diese beträgt bei Cobra-Gift für:
den Hund das Kaninchen das Meerschweinchen die Batte die Maus
0,8 mg auf das Kilogramm Körpergewicht 0)5 ;> » !) >J ))
0,2 „ „ 500 Gramm „
0,1 „ ,, 150 ,, ,,
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Hiernach ist die Empfänglichkeit dieser Tiere für das Gift keineswegs dem Körpergewicht proportional, und Experimente mit anderen Tieren, wie Affen , Schweinen, Eseln und Pferde lassen erkennen, daß der Affe leichter zu vergiften ist als der Hund , daß der Esel sehr empfindlich ist, das Pferd selir wenig, das Schwein aber am widerstandsfähigsten. Mit der gleichen Menge Cobra-Gift, etwa 1 Gramm, kann mau 1150 kg Hund, 1000 kg Kaninchen, 5000 kg Meerschweinchen, 1500 kg Ratte und 500 kg Maus töten.
Die Kenntnis dieses verschiedenen Verhaltens dem Gifte gegenüber ist von größter Wichtigkeit für die Grundsätze der Serumtherapie des Schlangenbisses.
Wirkung der verschiedenen Gifte auf die verschiedenen Gewebe und Säfte des Organismus.
Ganz abweichend von dem oben Geschilderten sind die physiologischen Wirkungen, wenn die toxischen Substanzen auf einem anderen als subkutanen Wege in den Körper eindringt. Die Aufnahme durch die serösen Häute ist langsamer, als wenn das Gift unmittelbar in den Blutstrom gelangt, jedoch viel rascher als vom Bindegewebe aus.
Nach Injektion von Cobra-Gift in die Bauchhöhle eines Kaninchens oder Meerschweinchens sind die örtlichen Erscheinungen an der Serosa unbedeutend. Man kann keinen Austritt von Leukozyten beobachten, rascher als ein solcher stattfinden kann, erfolgt der Tod. Das Gift der Tiperiden ruft im Gegenteil gleich nach Einführung in die Bauchhöhle einen reichlichen Erguß blutig-seröser Flüssigkeit hervor. Die plötzlich zur Erweiterung gebrachten Kapillaren der Serosa lassen das Blut durch ihre Wandungen hindurchfiltrieren und das Tier stirbt je nach der injizierten Dosis erst nach mehreren Minuten oder Stunden mit einem blutüberfüllten Peritoneum.