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Prof. Dr. A. Calmette.
IV.
Physiologie der Vergiftung. Symptomatologie.
Der Biß einer giftigen Schlange ist von sehr verschiedener Wirkung. Es kommt für die Wirkung besonders darauf an, welcher Gattung die beißende Schlange bez. das gebissene Tier angehört und wo die Bißwunde ihren Sitz hat. Allen diesen Punkten ist im folgenden Rechnung getragen.
Wenn die von dem beißenden Reptil in die Wunde eingeflößte Menge Giftes groß genug ist, um den Tod zur Folge zu haben — was glücklicherweise nicht immer der Fall ist — so bekundet das Gift seine Wirkung durch zwei Gruppen von Erscheinungen. Die einen, örtlicher Natur, betreffen nur die Bißwunde und ihre nächste Umgebung, die anderen, allgemeiner Natur, das Zirkulations- und Nervensystem.
Es ist auffallend, wie schwer die örtlichen Erscheinungen sind, wenn das Reptil der Gruppe der Solrnoglgpltrn (Röhrcnxiihner, Vipcridue) angehört, während sie bei einem Bisse der Proteroglgpltrn (Fnrchenxühner, Coluhridac und Ilgdrnphiinae) höchst unbedeutender Natur sind. Die allgemeine Giftwirkung ist dagegen bei dem Gift der Proteroglyphm viel heftiger und rascher, als beim Biß der Soicnogigphen.
An dem Beispiele der dem Bisse einer Cobru (Coltibridae) und einer Vipern Hussein oder Trigonocrphalns (Viperidue) folgenden Erscheinungen sei die Verschiedenheit dieses Bildes illustriert.
Der Biß einer Cobra ist nicht sehr schmerzhaft und besonders durch die an der gebissenen Stelle auftretende Taubheit und Starre charakterisiert, welche sich rasch über den Körper ausbreitet und zu Schwächeanwandlungen und Ohnmacht führt. Bald fühlt der Gebissene eine gewisse Erschlaffung und eine unüberwindliche Schlafsucht. Die Beine vermögen ihn kaum mehr zu tragen, die Atmung wird erschwert und nimmt diaphragmatischen Typus an.
Die Schlafsucht und Atemnot steigern sich allmählich. Der anfangs rasche Puls wird langsamer und nach und nach schwächer, die Zunge erscheint geschwollen, aus dem verzerrten Mund fließt der Speichel, die Augenlider sinken herunter und nach wiederholtem stoßweisen Aufschluchzen, manchmal auch Erbrechen und unwillkürlichem Abgang von Urin und Kot, fällt das unglückliche Opfer in das tiefste Coma und stirbt.
Das ganze Bild entrollt sich in einigen, meistens zwei bis sieben oder acht Stunden, selten rascher.
War das beißende Reptil ein Rohren lähner, etwa eine Vipera Rnssclii, so wird die Bißstelle sofort sehr schmerzhaft, rot, später violett. Bald tritt eine serös-blutige Infiltration der benachbarten Gewebe ein. Heftige Schmerzen, von Krämpfen begleitet, strahlen zentripetal von der Wunde aus. Der Verletzte empfindet brennenden Durst, furchtbare Trockenheit im Munde und im Rachen, die Schleimhaut der Augen, des Mundes und der Genitalien werden entzündlich gerötet. Diese Erscheinungen dauern oft längere Zeit, bis zu vierundzwanzig Stunden an, und sind oft von Blutungen in die Augen, den Mund, den Magen, die Eingeweide und Blase und verschieden starken Delirien begleitet. Wenn die Menge des in den Körper gelangten Giftes groß genug war, um den Tod herbeizuführen, so beobachtet man wenige Stunden nach dem Bisse Stupor, Gefühllosigkeit, später Schlaftrunkenheit mit mehr oder weniger erschwerter, zum Schluß stertoröser Atmung. Das Bewußtsein scheint schon vor dem Eintritt des Coma verschwunden zu sein. Die Asphyxie wird eine vollständige, während das Herz noch fast eine Viertelstunde lang fortschlägt, nachdem die Atembewegungen vollkommen aufgehört haben.