Die tropischen Intoxikationskrankheiten.
1. Vergiftungen durch pflanzliche Gifte.
Von
Dr. Filippo Rho,
Oberstabsarzt I. Kl. in der Königl. italienischen Marine, Professor der exotischen Medizin
an der Universität Neapel.
Deutsch von C. Mense.
Allgemeines.
Beim Studium der Geschichte finden wir in den Sagen und schriftlichen Überlieferungen aller Völker Beweise, daß mit den ersten Anfängen der Kultur der Mensch schon Gifte gekannt hat, d. h. Stoffe, welche, nach der Definition von Lewis, geeignet sind, auch in geringer Menge in den Körper eingeführt oder mit ihm in Berührung gebracht, unter gewissen Umständen Tod oder Krankheit herbeizuführen.
Derartige Stoffe gehören zum größten Teile dem Pflanzenreiche an und von vielen lernte der Mensch entweder zufällig oder durch den 'Widerwillen, welchen die Tiere gegen dieselben zeigen, oder durch den Schaden, welcher durch sie angerichtet wurde, die giftigen Eigenschaften kennen. Bessere, genauere und ausgedehntere Kenntnisse wurden naturgemäß ähnlich wie die Wissensschätze auf anderen Gebieten der Besitz einzelner bevorzugter Personen, welche bei den Naturvölkern die Häuptlinge, Priester oder Zauberer sind und ihr besseres Wissen im eigenen Interesse ausnutzen.
Der Sokrates gereichte Schierlingstrank, die toxikologische Erfahrung des Mithridates, die ans politischen Gründen, aus Herrsch- und Gewinnsucht im griechischen und römischen Altertum, im Mittelalter und in der Renaissancezeit begangenen Giftmorde, endlich verschiedene sensationelle Verbrechen unserer Zeit sind nur eine geschichtliche Wiederholung von Vorkommnissen, welche schon in den einfachsten und frühesten Kulturperioden des Menschengeschlechts sich ereignet haben. Um einen Begriff davon zu bekommen, wie in der Kultur der Alten die Kenntnis der Gifte sich entwickelt haben mag, brauchen wir auch in dieser Hinsicht nur die wilden und halbwilden Völkerschaften der Tropen zu betrachten, welche in inniger