Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1905)
Entstehung
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Vergiftungen durch tierische Gifte.

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suchen. Da die meisten freiwillig keine Nahrung zu sich nehmen, so müssen sie genudelt werden, indem man ihnen etwa alle zwei Wochen einige große Stücke Fleisch einführt (s. S. 294 u. 295).

Auch die Entnahme des Giftes kann in einem vierzehntägigen Zeitraum stattfinden, jedoch am besten nicht gleichzeitig mit der Fütterung, weil das Gift zugleich auch den Verdauungssaft des Tieres bildet. Wollte man es des Mittels berauben, die zwangsweise zugefiihrte Nahrung zu verdauen, so würde es in kurzer Zeit zugrunde gehen.

Sobald das Gift aufgefangen worden ist, bringt man es in einen Exsikkator mit Chlorcalcium oder Schwefelsäure. In warmen Ländern genügt es, das Gift im Luftzuge oder sogar in der Sonne zu trocknen. Das Gift trocknet dann zu zitronengelben Plättchen ein, deren Färbung je nach der Konzentration heller oder dunkler ist. In diesem Zu­stande ist es in gut geschlossenen Flaschen vor feuchter Luft geschützt unbegrenzt halt­bar, ohne seine ursprüngliche Kraft zu verlieren.

Bei ungenügender Austrocknung zersetzt sich das Gift jedoch rasch und nimmt einen unangenehmen Geruch nach Fleischpepton an.

Verfasser hat Proben von verschiedenen auf diese Weise getrockneten Schlangen­giften mehr als zehn Jahre konserviert, ohne daß eine Abschwächung der Wirksamkeit bemerkbar geworden wäre.

III.

Chemie des Schlangengiftes.

Das Schlangengift hat, wie es aus den Giftdrüsen lierauskomint, das Aussehen dicken Speichels, [es ist von öliger Konsistenz und je nach der Art der Schlange von welcher es stammt von inehr oder weniger starker gelblicher Färbung. In Wasser gibt es eine opalisierende Lösung. Die Reaktion ist mit Lackmuspapier ge­prüft schwach sauer und riilirt von einer sehr flüchtigen noch nicht bestimmten Säure her, verschwindet aber heim Eintrocknen, so daß die Lösungen des einge­trockneten Giftes neutral sind.

Seine Dichtigkeit ist etwas höher als die des Wassers und schwankt zwischen 1,030 und 1,050.

Das Schlangengift stellt eine in seinen Verhältnissen stark schwankende Mischung von Proteinsubstanzen, Schleim, Epitheltrümmern, Fetten und Salzen (Chloride und Phosphate von Calcium, Ammonium und Magnesium) dar mit G5 bis 80 °.'o Wasser.

Die Elementaranalyse des Cobragiftes ergibt nach H. Armstrong folgende Zahlen:

Kohlenstoff 43,04 W asserstoff 7,00 Stickstoff 12,45 Schwefel 2,40

Asche Spuren.

Diese Ziffern besagen nicht viel. Es wäre wohl wichtiger, die genaue Zu­sammensetzung der Eiweißstoffe zu kennen, denen das Gift seine physiologischen Eigenschaften verdankt. Leider sind unsere Kenntnisse über die Chemie der Eiweißstoffe noch so mangelhaft, daß wir das Wesen derselben noch nicht durch­schauen können.

Lccien Boxaparte hatte 1843 angegeben, daß das wirksame Prinzip im Viperngift ein Eiweißkörper sei. den er Viperin oder Echidnin nannte und mit den digestierten Fermenten verglich. Später zeigten Weir Mitchell und Reichert, darauf Norris Wolfenden, Fehler, Wall, Kanthack, C. J. Martin und Mac Garvie Smith, daß der chemische Aufbau des Schlangengifts ähnlich wie der der

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