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Prof. Dr. A. Calmette.
I. •
Systematik (1er Giftschlangen, Thanotophidii.
A. Anatomische Merkmale, Lebensweise, Einteilung und geographische Verbreitung.
Die Giftschlangen sind nicht immer leicht von den ungefährlichen Schlangen zu unterscheiden, welche kein Organ zur Übertragung des Giftes besitzen. Die einen wie die anderen wurden deswegen zu allen Zeiten von den Menschen sehr gefürchtet. Bei allen Völkern kommt die Furcht vor giftigen Reptilien in Sagen und religiösen Anschauungen zum Ausdruck.
Die Naturwissenschaft teilt die Schlangen in zwei Unterordnungen ein, die Colubridae, Nattern, welche auch eine große Anzahl ungiftiger Arten umfaßt, und die f'iperidae, Vipern, alle giftig.
Die giftigen Colnbriden ähneln den ungiftigen Nattern, wodurch sie um so gefährlicher werden. Sie werden in zwei Gruppen eingeteilt, die Opistoglyphen r und die Protcniglgphcn, Furchmxähncr. Die Opistoglyphen tragen vorn im Oberkiefer zwei glatte, fnrchenlose Zähne, außerdem besitzen sie hinten im Munde eine oder mehrere Reihen langer geriefter Giftzähne.
Diese Gruppe umfaßt drei Unterabteilungen; die
Homalopsinae, Wussersehhtngen, bei welchen die mit Klappen versehenen Nasenlöcher oberhalb der Schnauze liegen;
Dipsadomorphinae, Peifschenmtfrrn, mit seitlich stehenden Nasenlöchern und stark entwickeltem Gebiß;
Elachistodontinac mit rudimentären Zähnen nur im hinteren Teile des Kiefers auf dem Os palatinum und Os pterygoideum. Fast alle zu diesen drei Unterabteilungen gehörigen Schlangen sind giftig, aber ihr Gift ist so schwach und die Zähne sitzen so ungünstig, daß sie dem Menschen nicht gefährlich werden. Ihr Biß lähmt die Beute vor dem Verschlingen.
Die Gruppe der Proteroglgphcn interessiert uns von den Colubriden am meisten, denn alle dahin gehörende Schlangen sind mit kräftigen Giftzähnen im vorderen Teile des Oberkiefers bewaffnet. Diese in Form einer tiefen Furche gerieften Zähne stehen an der Basis mit dem Ausführungsgange der oft mächtig entwickelten Giftdrüsen in Verbindung.
Zu dieser Gruppe gehören zwei Familien:
a) Die Ilgdrophiinac , Seeschlangen, mit abgeplattetem ruderförmigen Schwänze. Der Körper ist mehr oder weniger seitlich zusammengedrückt. Die Augen sind meistens klein und mit runder Pupille. Nasenschild mit zwei Einkerbungen am Rande der Oberlippe.
Alle Reptilien dieser Unterabteilung leben im Meere in der Nähe der Küste- mit Ausnahme der Distira, welche einen Siißwassei’see auf den Philippinen bewohnen. Man findet sie oft in großer Zahl im Indischen Ozean und im ganzen tropischen Teile des Stillen Ozeans vom Persischen Meerbusen bis zur Westküste des amerikanischen Festlandes, sie fehlen jedoch gänzlich an der Ostküste Afrikas.
b) Die Ehtpinae, Erdschlangen mit zylindrischem Schwänze, mit glatten oder gekielten Schuppen bedeckt und mit leuchtenden Farben geschmückt. Einige unter ihnen, die Xajas, können ihren Hals wie einen Fallschirm aufspannen, indem sie, wenn sie gereizt oder erschreckt sind, die ersten Rippenpaare ausbreiten. Der Hals erscheint alsdann viel breiter als der Kopf.