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Kann uns Mesopotamien eigene Kolonien ersetzen? / von Emil Zimmermann
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II.

Wir beginnen mit der häufig zutage tretenden Überschätzung Vor- derasiens und Mesopotamiens. Beide haben im Altertum und im frühen Mittelalter eine hervorragende Rolle gespielt, die wir aus der Geschichte kennen. Vorderasien war im Altertum durch Jahrhunderte Weltzentrum. Und von dort her nahm im siebenten Jahrhundert n. Chr. die Araberweltherrschaft ihren Ausgang, die als türkische Herrschaft über Nordafrika und den Osten des schwarzen Erdteils bis zu den großen innerafrikanischen Seen hinunter bis weit in das neunzehnte Jahr­hundert hinein bestehen blieb.

Der Gedanke, dieses alte Vorderasien wiederzuerwecken, ist ge­wiß verführerisch; es darf aber nicht vergessen werden, daß Klein­asien, Syrien und Mesopotamien im Altertum nur deshalb im höchsten Glänze strahlten, weil Europa noch sehr schwach bewohntes Barbaren­land war. In der heutigen Welt würde das Vorderasien des Alter­tums nur eine sehr mäßige Rolle spielen.

Kleinasien, Syrien, die Wilajets Mossul, Bagdad und Basra um­fassen zusammen etwa 980 000 girrn, sind also ungefähr so groß wie Deutsch-Ostafrika; aber sie haben 18 bis 19 Millionen Einwohner gegen die nur 8 Millionen jenes Schutzgebiets. Zu Vorderasien gehört noch Arabien mit etwa 3(4 Millionen Menschen, die auf einem Gebiet von beinahe 3 Millionen girrn wohnen. Von den 3(4, Millionen Arabiens steht aber wohl nur 1 Million Einwohner unter türkischer Herrschaft.

Die Hauptmasse der Bevölkerung des türkischen Vorderasiens sitzt in Kleinasien, das auf 430 000 girrn etwa 10 bis 12 Millionen Men­schen zählt. Türkisch-Armenien und Mossul sind schwach bewohnt; Syrien hat auf knapp 300 000 gkrn etwas über 2(4 Millionen Bewohner, Meso­potamien (Wilajets Bagdad und Basra) beherbergt auf 184 000 girrn etwas über eine Million Menschen. Dieses und Syrien sind heute außer­ordentlich öde; sie machen über weite Strecken den Eindruck von Wüsten­gebieten. Das kann auch gar nicht anders sein, da sie nur sieben oder acht Menschen auf dem Geviertkilometer tragen, also noch schwächer be­völkert sind als Deutsch-Ostafrika.

Als Anbaugebiet von größerer Bedeutung in Vorderasien ist heute nur Kleinasien zu erwähnen, das von Produkten, die uns interessieren, besonders Baumwolle und Ölfrüchte (Sesam) anbaut, ferner Tabak, Obst, Wein; es liefert auch Felle, Teppiche aus Wolle, Mohair, Gerb­stoffe wie Valonea. Die kleinasiatischen Baumwollgebiete liegen bei Smyrna und Adana-Mersina; sie erzeugten im Jahre 1914 rund 60 000 und 120 000 Ballen zu 190 Kilogramm, also etwa 34 200 Tonnen Baumwolle. Die Einfuhr Deutschlands von Baumwolle und Ernte-