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Kann uns Mesopotamien eigene Kolonien ersetzen? / von Emil Zimmermann
Entstehung
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Waffenbrüderschaft mit der Türkei und die Berufungen deutscher Juristen und Volkswirtschaftler durch die türkische Re- gierung, der Anbau von Baumwolle und Ölfrüchten in Vorder- asien in nennenswertem Umfange, eine geschickt betriebene publizistische Agitation für die vielbesprochenen BerlinBagdad-Pläne, dies alles hat zusammengewirkt, in vielen Köpfen die Auffassung festzusetzen, daß wir künftig keine eigenen Kolonien mehr brauchten, weil Mitteleuropa mit Bulgarien und der Türkei zusammen ein Wirtschaftsgebiet mit erheblich gesteigerter landwirtschaftlicher Produktion bilden würden, dessen Roh­stoffbedarf vom Auslande bedeutend geringer zu veranschlagen wäre, als der Deutschlands vor dem Kriege.

Die Vertreter solcher Anschauungen verkennen nicht die große Ge­fahr, welche in der völligen Abhängigkeit Deutschlands von fremden Rohstoffgebieten liegt; sie argumentieren aber so: Eine wesentliche Er­weiterung deutschen Kolonialbesitzes ist nur in Afrika zu erzielen; dort würden wir wertvolle Gebiete aber nur dann erhalten, wenn wir bei den Friedensverhandlungen England und Frankreich ganz oder zu einem Teile in ihren belgischen, nordfranzösischen und noch anderen Forderungen (Beschränkung unserer Flottenrüstungen) nachgeben, damit unsere kontinentale Stellung unheilbar schwächen und den Willen zur Seegeltung aufgeben. Da das nicht sein darf und wenig wertvoller Afrikabesitz, wie unsere alten Kolonien beweisen, nicht in der Lage ist, den deutschen Bedarf an Rohstoff irgendwelcher Art in beträchtlichem Maße zu decken, sollen wir besser an Ersatz unserer Kolonien durch türkisch-deutsche Kulturarbeit in Kleinasien und Mesopotamien denken.

Diejenigen, welche solche Grundsätze aufstellen, begehen drei schwere Fehler.

Erstens überschätzen sie Mesopotamien und Borderasien gewal­tig, und

Zweitens unterschätzen sie ebenso sehr, was uns bereits unsere Kolonien geleistet haben.

Drittens vergessen sie ganz, daß ein durch uns emporgebrachtes Mesopotamien die englische Begehrlichkeit aufs höchste reizen und offen vor ihr liegen würde, und daß weiter Kleinasien und Mesopotamien als Stützpunkte für unsere Flotte nicht in Betracht kommen können.