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kann an Schönheit, Großartigkeit und Mannigfaltigkeit auch nur annähernd mit der Landschaft wetteifern, welche sich jetzt vor mir auf dem Rande des Hochlandes von Leikipia ausbreitete. Man stelle sich eine Mulde oder Bodensenkung von etwa 1200 w Meereshöhe und 30 Km Breite vor, an deren beiden Seiten zwei Bergwände in sehr großer Steilheit zu einer Höhe von 2700 m aufragen. In der Mitte dieser Bodensenkung liegt eine funkelnde Wasserfläche, strahlend gleich einem Spiegel in den kräftigen Strahlen der tropischen Sonne. Fast in ihrer Mitte erhebt sich eine malerische Insel, umgeben von vier kleineren Inseln — gleich einer Gruppe von natürlichen Smaragden in einer glitzernden Schale polierten Silbers. Um den un- regelmäßig geformten See blickt ein Streifen blassen Grases hervor, welches ein morastiges Ufer verrät, und in dem äußeren sich zu den Bergen erhebenden Kreise hebt sich eine sehr dunkelgrüne Fläche ab, in welcher wir die Akazienbäume mit ihren tischartig flachen Baumkronen erkennen. Viele gerade Linien durchziehen wie Mauern und Winkelvorsprünge die Landschaft. Alles verrät in beredtester Weise den feurigen Ursprung."
Ersteigung des Kenia durch den Grafen Teleki und Lieutenant v. Höhnel*).
Diese beiden Reisenden, welche Sansibar im Januar 1887 verließen, erreichten mit 250 Trägern am 9. Juni den Kiliina Noscharo, dessen Sattel sie bestiegen. Die Karawane zog alsdann nordwestlich zum Djallasee und von dort nach Ngoro, einem gewöhnlichen Halleplatz der Karawanen, wo sich die Bewohner sehr freundlich zeigten. Trotz aller Warnungen beschlossen sie, die gefurchtste Landschaft Ki- kuju zu durchwandern, welche sie als schönes, wohlbebautes Land mit dichter Bevölkerung fanden.
Hier erschien endlich in der Ferne die in Wolken gehüllte Spitze des Keniaberges im Nordwcsten des Aberdaregcbirges. Infolge der
*) „Deutsche Kolomal-Zeittuig" 29. Juni 1889. S. 207.