Schoß - Bremen-Nord, ein Ort der Moderne?
Susanne Schoß
Bremen-Nord, ein Ort der Moderne? 1
Bauten der 1920er-Jahre in Vegesack und Blumenthal
In Bremen ist die Architektur des Neuen Bauens rar: Das Neue Bauen, das 1927 auf der Werkbundausstellung in Stuttgart von der deutschen und internationalen Avantgarde unter der künstlerischen Leitung von Mies van der Rohe mit der Weißenhofsiedlung erstmals programmatisch vorgeführt wurde, hat in Bremen und auch im heutigen Bremen-Nord kaum Nachhall gefunden.
Zu den wenigen Protagonisten des Neuen Bauens in Bremen zählt der BDA-Architekt Ernst Becker (-Sassenhof) (1900-1968). Der gebürtige Essener ließ sich nach seinem Studium in Hannover und München 1924 als selbständiger Architekt in Vegesack und damit im heutigen Bremen-Nord nieder und konnte hier in den Folgejahren einige moderne Bauten im Sinne des Neuen Bauens realisieren, wie sein eigenes Wohnhaus an der damaligen Strandstraße (1926, nicht erhalten) und das benachbarte Bootsund Vereinshaus für den Vegesacker Ruderverein (1927, Denkmal). Durch seine engen Kontakte zu dem damaligen Vegesacker Bürgermeister Wittgenstein, der dem Neuen Bauen gegenüber aufgeschlossen war, konnte Becker - in Ermangelung eines offiziellen Gemeindebaurats - auch moderne kommunale Bauten in Vegesack zur Ausführung bringen.
Ernst Beckers Bauten wurden schon bald deutschlandweit bekannt, da sie in den von dem Kunsthistoriker Walter Müller-Wulckow seit 1925 herausgegebenen populären und breit rezipierten Bänden der Folge »Deutsche Baukunst der Gegenwart« / »Die Deutsche Wohnung der Gegenwart« in der Reihe der »Blauen Bücher« des Langewiesche-Verlages, einer Art zeitgenössischer Mustersammlung moderner deutscher Architektur, anschaulich präsentiert wurden. 2 Becker stand über lange Zeit in per
sönlichem Kontakt mit Müller-Wulckow, der im nahe gelegenen Oldenburg (i. O.) ab 1921 als Direktor des Landesmuseums für Kunst- und Kulturgeschichte amtierte. 3 Insgesamt kommt Becker, dem Walter Gropius 1929 das Angebot machte, als Mitarbeiter in seinem Büro zu arbeiten - ein Angebot, das Becker ablehnte -, im Bremen der 1920/30er-Jahre eine Sonderstellung zu.
Das Gros der Architekten, die in den 1920er- Jahren im heutigen Bremen-Nord tätig waren, baute anders als Ernst Becker - weniger radikal und mit mehr Rückbezügen auf die Tradition. Diese gemäßigten Ansätze, die sich unter dem mittlerweile gängigen Begriff der »Konservativen Moderne« subsumieren lassen, dokumentieren anschaulich die damals verbreitete Suche nach einer zeitgemäßen Architektursprache auf dem Fundament der Tradition und zugleich den vielfach zu erkennenden Spagat zwischen Tradition und Moderne - beides führte in einigen Fällen zu durchaus gültigen Architekturleistungen. Einige werden im Folgenden - nach Baugattungen sortiert und weitgehend in chronologischer Abfolge - vorgestellt. Bei allen ausgewählten Beispielen handelt es sich um damals neu gebaute, heute authentisch überlieferte Bauten aus den 1920er-Jahren, die als repräsentative Zeugnisse ihrer Zeit bereits unter Denkmalschutz stehen bzw. demnächst unter Denkmalschutz gestellt werden sollen. 4
Folgendes Fazit lässt sich vorwegnehmen: Es sind qualitätvolle Bauten jener Zeit aus diversen Baugattungen erhalten. Die Bauten fuhren exemplarisch die große stilistische Bandbreite vor Augen, die so charakteristisch ist für die vielfältige Architekturszene der 1920er-Jahre in Deutschland. Trotz der stilistischen Unterschiede gehören die Bauten mehrheitlich der