Heft 
(2013) Bd. 10. Architektur der Zwanziger Jahre
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Schoß - Bremen-Nord, ein Ort der Moderne?

Susanne Schoß

Bremen-Nord, ein Ort der Moderne? 1

Bauten der 1920er-Jahre in Vegesack und Blumenthal

In Bremen ist die Architektur des Neuen Bauens rar: Das Neue Bauen, das 1927 auf der Werk­bundausstellung in Stuttgart von der deutschen und internationalen Avantgarde unter der künst­lerischen Leitung von Mies van der Rohe mit der Weißenhofsiedlung erstmals programma­tisch vorgeführt wurde, hat in Bremen und auch im heutigen Bremen-Nord kaum Nachhall ge­funden.

Zu den wenigen Protagonisten des Neuen Bauens in Bremen zählt der BDA-Architekt Ernst Becker (-Sassenhof) (1900-1968). Der ge­bürtige Essener ließ sich nach seinem Studium in Hannover und München 1924 als selbstän­diger Architekt in Vegesack und damit im heuti­gen Bremen-Nord nieder und konnte hier in den Folgejahren einige moderne Bauten im Sinne des Neuen Bauens realisieren, wie sein eigenes Wohnhaus an der damaligen Strandstraße (1926, nicht erhalten) und das benachbarte Boots­und Vereinshaus für den Vegesacker Ruder­verein (1927, Denkmal). Durch seine engen Kontakte zu dem damaligen Vegesacker Bürger­meister Wittgenstein, der dem Neuen Bauen gegenüber aufgeschlossen war, konnte Becker - in Ermangelung eines offiziellen Gemeinde­baurats - auch moderne kommunale Bauten in Vegesack zur Ausführung bringen.

Ernst Beckers Bauten wurden schon bald deutschlandweit bekannt, da sie in den von dem Kunsthistoriker Walter Müller-Wulckow seit 1925 herausgegebenen populären und breit re­zipierten Bänden der Folge »Deutsche Bau­kunst der Gegenwart« / »Die Deutsche Woh­nung der Gegenwart« in der Reihe der »Blauen Bücher« des Langewiesche-Verlages, einer Art zeitgenössischer Mustersammlung moderner deutscher Architektur, anschaulich präsentiert wurden. 2 Becker stand über lange Zeit in per­

sönlichem Kontakt mit Müller-Wulckow, der im nahe gelegenen Oldenburg (i. O.) ab 1921 als Direktor des Landesmuseums für Kunst- und Kulturgeschichte amtierte. 3 Insgesamt kommt Becker, dem Walter Gropius 1929 das Angebot machte, als Mitarbeiter in seinem Büro zu arbei­ten - ein Angebot, das Becker ablehnte -, im Bremen der 1920/30er-Jahre eine Sonderstel­lung zu.

Das Gros der Architekten, die in den 1920er- Jahren im heutigen Bremen-Nord tätig waren, baute anders als Ernst Becker - weniger radikal und mit mehr Rückbezügen auf die Tradition. Diese gemäßigten Ansätze, die sich unter dem mittlerweile gängigen Begriff der »Konservati­ven Moderne« subsumieren lassen, dokumen­tieren anschaulich die damals verbreitete Suche nach einer zeitgemäßen Architektursprache auf dem Fundament der Tradition und zugleich den vielfach zu erkennenden Spagat zwischen Tradition und Moderne - beides führte in eini­gen Fällen zu durchaus gültigen Architektur­leistungen. Einige werden im Folgenden - nach Baugattungen sortiert und weitgehend in chro­nologischer Abfolge - vorgestellt. Bei allen aus­gewählten Beispielen handelt es sich um damals neu gebaute, heute authentisch überlieferte Bau­ten aus den 1920er-Jahren, die als repräsentative Zeugnisse ihrer Zeit bereits unter Denkmal­schutz stehen bzw. demnächst unter Denkmal­schutz gestellt werden sollen. 4

Folgendes Fazit lässt sich vorwegnehmen: Es sind qualitätvolle Bauten jener Zeit aus diver­sen Baugattungen erhalten. Die Bauten fuhren exemplarisch die große stilistische Bandbreite vor Augen, die so charakteristisch ist für die vielfältige Architekturszene der 1920er-Jahre in Deutschland. Trotz der stilistischen Unter­schiede gehören die Bauten mehrheitlich der