Heft 
(2013) Bd. 10. Architektur der Zwanziger Jahre
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Denkmalpflege in Bremen Heft 10

Uwe Schwartz

Öffentliche und private Großbauten in Bremen zwischen den Weltkriegen

Nach Ende des Ersten Weltkriegs herrschte in Bremen eine Wohnungsnot, die sich innerhalb eines Jahres so weit verschärfte, dass die damals noch provisorische Regierung im April 1919 das Wohnungs- und Siedlungsamt ermächtigte, auf der Grundlage einer Verordnung Wohn­raum zu beschlagnahmen. Die wirtschaftliche Situation hatte sich durch den Versailler Ver­trag und den damit verbundenen Verlust vieler Handelsschiffe gegenüber den entbehrungsrei­chen Kriegsjahren nochmals verschlechtert, die Baukosten in der Folge dramatisch erhöht. Der zur Verfugung stehende Wohnraum musste des­halb geteilt werden oder wurde über ein not­wendiges Maß hinausgehend als Luxusgut be­wertet. Aus der damals bereits geforderten »Raumsteuer« entwickelte sich dann später die »Hauszinssteuer«, die tatsächlich auch ein we­sentliches Förderinstrument der Baupolitik in der Zwischenkriegszeit wurde.

Auch wenn im Folgenden nicht Wohnbau­ten, sondern Geschäftshäuser, Verwaltungsge­bäude und öffentliche Großbauten der Zwi­schenkriegszeit behandelt werden, gelten doch die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse in diesem Sektor gleichermaßen, sind übertragbar. So sind die wenigen Bauprojekte im staatlichen Hochbau, die bis zum Ende der Inflationszeit 1923 gebaut wurden, zumeist in den Kriegsjah­ren begonnen oder doch vor Kriegsende initi­iert worden. Zu diesen zählte auch der Neubau der Staatlichen Kunstgewerbeschule, Am Wand­rahm 23, in der Bahnhofsvorstadt. Der Bau wur­de 1922 ausgeführt und ging auf einen während der Kriegsjahre 1917 unter Bremer Architekten ausgeschriebenen Wettbewerb zurück, in dem der mit der Ausführung beauftragte Architekt Rudolf Jacobs mit einem 1. Preis ausgezeichnet worden war. Die kunstgewerbliche Ausbildung

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in Bremen war bis zu diesem Zeitpunkt institu­tionell und räumlich an das Gewerbemuseum gekoppelt gewesen. Die Staatliche Kunstge­werbeschule ist die Vorgängerin der heutigen nicht mehr auf das Kunstgewerbe beschränkten und auch die Musikerausbildung umfassenden »Hochschule für Künste«.

Rudolf Jacobs lässt in seinem Entwurf den Einfluss des holländisch-niederdeutschen baro­cken Klassizismus des 17. und 18. Jahrhunderts anklingen, zeigt aber bereits mit der Aufnahme expressiver Schmuckformen im Bereich der Bau­plastik modernere Einflüsse. Die Jury hatte an Jacobs' Wettbewerbsentwurf insbesondere die »städtebauliche Behandlung der Gruppierung« mit dem (Garten-) »Zierhof von großem Reiz« zur bereits existierenden Mädchenoberschule an der Kleinen Helle und die »große Feinheit« des Gebäudeäußeren »in seiner vornehmen Schlichtheit« hervorgehoben.

Bei der Durchbildung der Fassaden halten sich abstrahiert barockisierender Dekor und zweckorientierter moderner Massenbau die Waage. Die Hoffront des Querflügels mit groß­zügig bemessenen Fenstern der Klassenräume weist einen großen Reichtum verschiedenartiger Schmuckverklinkerungen in den Brüstungsfel­dern auf. Insgesamt fällt an den Fassaden die sehr liebevolle und sichere Detaillierung, das feine, sorgsam inszenierte Zusammenspiel von Formen, Materialien und Farben auf. Im Inne­ren beeindrucken vor allem die aufwendig mit Wandkeramik in dem Farbkontrast türkisgrün/ schwarz dekorierte, repräsentative Eingangshal­le und der großzügige Bibliotheksraum.

Nachdem die Tätigkeit des Hochbauamts in Bremen nach Kriegsende, gehemmt durch die Inflation, nur zögernd wieder einsetzte, ist das Postamt 5 am Bahnhof, Bahnhofsplatz 20-21,