war mit solch einem Aufwand für die Beweisführung verbunden, daß der Betroffene darauf lieber verzichtete.
Konkurrenzneid und Angst vor Arbeitslosigkeit waren wohl die Beweggründe der Bremer Herrenschneiderinnung, als sie sich direkt an den Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda wandte. Sie beschwerte sich darüber, daß trotz der schwierigen Arbeitsbeschaffung im Schneiderhandwerk den Bremer Schneidern alle Arbeit für die Heeresämter von Juden entrissen würde, da die Arbeitsverteilung in Wilhelmshaven/Rüstringen durch Halbjuden erfolge. Nicht ohne Stolz bemerkte der Obermeister der Innung in diesem Zusammenhang: „Es gelang mir, meine Kollegen so zu erziehen, daß sie Käufe irgendwelcher Art von Juden meiden. So weigern sie sich heute, diese Seiden 199 zu verarbeiten." 200 Seinem Unmut über jüdische Arbeitsplatzansprüche aber machte er folgendermaßen Luft: „Ich bin mir bewußt, daß durch Bremens Hintansetzung in vielen Dingen der Jude glaubt, sich hier mausig machen zu können." 201
Wenn auch die Privatkundschaft trotz aller Gegenreden ihren Handwerksmeistern treu blieb, so waren gerade bei größeren Aufträgen offizielle Regelungen dazu angetan, den jüdischen Handwerksbetrieben das Wasser abzugraben. So setzte die Reichswirtschaftskammer im Herbst 1935 für die Vergabe von handwerklichen Aufträgen und Leistungen fest: „Bei gleichwertigen Leistungen der Bewerber haben deutschstämmige Bewerber vor denjenigen Betrieben oder Firmen den Vorzug, deren Inhaber oder an der Geschäftsführung maßgebend beteiligte Personen nichtarischer Abstammung sind." 202
Judenfeindliche Empfehlungen an Beamte
Etwa um die gleiche Zeit brachte der Senator für die innere Verwaltung in seinem Dienstbereich eine Warnung vor Einkäufen in jüdischen Geschäften in Umlauf, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Es seien daher einige Stellen zitiert:
„Verkörperter Materialismus zeigt sich in besonderem Maße bei der unserem Volke artfremden jüdischen Rasse. Die Bekämpfung des Judentums mit allen seinen Auswüchsen erfolgt daher am sichersten über die Materie. Der Jude taucht stets dort auf, wo er auf bequeme Art und Weise auf dem Rücken seines Gastvolkes Reichtümer zu erwerben glaubt [. . .] Nicht durch judenfeindliche Demonstrationen, die im Hinblick auf die unausbleiblichen Rückwirkungen in dem jetzigen Stadium der deutschen Wirtschaftslage sogar eine Gefahr bedeuten, sondern durch Selbstdisziplin der Bevölkerung wird daher die beste Grundlage für die Lösung der Judenfrage geschaffen."
199 Gemeint sind „jüdische" Nähseiden.
200 Schreiben vom 23. 7. 1935 (Qu. 99).
201 Ebd.
202 Schreiben der Reichswirtschaftskammer vom 3. 10. 1935 mit „Allgemeinen Bestimmungen für die Vergebung von Leistungen" (Qu. 108).
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