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Die Bremer Juden unter dem Nationalsozialismus / Regina Bruss
Entstehung
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ansässigen Geschäfte auf dieses Mittel des wirtschaftlichen Wettbewerbs nicht mehr zurückgreifen konnten 195 .

Auch, von Schaufensterwettbewerben, von wirtschaftlichen Organisationen angeregt, waren jüdische Geschäfte ausgeschlossen. Als bekannt wurde, daß der Senat sie zuzulassen gedachte, rief dies sofort Kritik bei einigen Bürgern hervor. In einem der sogenannten Stimmungsberichte 196 der Kreis­propagandaleitung der NSDAP kam deren Meinung zum Ausdruck: Solche Anordnungen dürfe der Senat nicht herausgeben: man habe die Rücknahme der Erlaubnis sehr begrüßt.

Mißgunst im Handwerk

Der Sommer 1935 brachte eine neue Boykottwelle und den lauter werden­den Wunsch nach Hinausdrängung der Juden aus allen Wirtschaftszweigen. Das galt auch für das Handwerk. Hier waren die Juden bekanntermaßen von jeher nicht so stark vertreten wie im Handel. Entsprechend wird in Unter­suchungen zurJudenfrage" dieser Bereich nur gestreift.

Wie in anderen Städten, gab es auch in Bremen relativ viele jüdische Schneider. Noch im August 1938 waren es:4 Herrenschneider, 1 Damen- konfection, 1 Wäschekonfection, 2 Schneider, 1 Zuschneider." 197 Die gleiche Quelle spricht von der Existenz eines Tischlers, eines Glasers, eines Deko­rateurs, eines Polsterers, eines Kürschners, eines Hutumpressers, eines Schirmmachers, eines Bäckers, eines Uhrmachers und eines Malers.

Waren naturgemäß die erzielten Umsätze nicht so hoch wie im Handel, so konnten doch jüdische Handwerksbetriebe aufgrund anerkannter Leistungen und oft jahrzehntelanger Bewährung einen großen Kundenkreis und gute Aufträge vorzeigen. Von fleißiger Arbeit hing die Existenz der Betriebe ab. Wurde im Laufe der Zeit die Kundschaft schon durch die allgemeine anti­jüdische Propaganda abgeschreckt, so taten die arischen Handwerkskollegen ein übriges. Negative Urteile über die Qualität einer Handarbeit waren schnell gefällt und nicht ohne weiteres nachprüfbar. Dann wurde die Hand­werkskarte verweigert und damit eine Benachteiligung im Wettbewerb er­reicht 198 . Rückgang des Geschäftes war die Folge. Beschwerden bei der Gewerbekammer hatten selten Erfolg, und die Einschaltung der nächst­höheren Instanz, des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages,

195 Nach Gensdiel, S. 89 f., Anm. 127, waren in ca. 150 Städten Zeitungsannoncen jüdischer Geschäfte nicht möglich. Audi viele Kinos ließen keine jüdische Reklame mehr zu.

196 Sie waren zusammengestellt aus Berr. einzelner Ortsgruppen und Gliederun­gen und geben ein nahezu unverfälschtes Bild, da sie für den internen Gebrauch bestimmt waren. Hier ist es ein Stimmungsber. vom 26. 6. 1934 (Qu. 65 [1]).

197 Markreich, S. 341 ff.

198 Ein solcher Fall spielte sich zwischen einer Photographin und der Bremer Photographeninnung ab. Sie beschwerte sich am 23.5. 1935 schriftlich und mündlich bei der Behörde für Schiffahrt, Handel und Gewerbe (Qu. 19).

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