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[Bd. 5] (1895) Australien und Ozeanien : eine allgemeine Landeskunde / von Wilhelm Sievers
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X. Die Südpolarländer.

Als gewichtige Gründe für die Annahme eines antarktischen Kontinents werden gewöhnlich angeführt die gewaltigen Eismauern, die sich vor gesichteten Küsten oder überhaupt, südlich des Polarkreises den Schiffen entgegenzustellen pflegten. Man glaubte sie nur als Umrandungen einer festen Kontinentalmasse erklären zu können. Wo jedoch einmal günstige Eisverhältnisse ein Eindringen gegen hohe Breiten erlaubten, zeigte sich, daß die Eismauer weit südwärts gegen den Pol zurückwich. Roß traf sie erst unter 780 südl. Breite, Weddell gelangte an anderer Stelle bis 740 südl. Breite, ohne Land oder Eis zu sehen, mit Ausnahme kleiner schwimmender Eisinseln. Ebenso überschritt die Challenger-Expedition in offenem, eisfreiem Meer an einer drittel: Stelle den 67. Grad. Es ist daher schon durch die wenigen Expeditionen dieses Jahrhunderts aufs neue Bresche in die antarktische Landmasse gelegt worden. Stichhaltiger ist der Grund, den die Challenger-Expedition für das Vorhandensein eines Kontinents vorbrachte, nämlich daß die Beschaffenheit des Meeresgrundes vor den antarktischen Land Massen dieselbe sei wie vor großen Kontinenten der übrigen Erde. Dagegen aber spricht wieder die ungemein tiefe Sommer- temperatur der Südpolargebiete, die mit demselben Recht auf Mangel an Landmassen, die sich im Sommer erwärmen, schließen läßt. Aus den Gesteinsproben der Südpolargebiete lassen sich ebensowenig sichere Schlüsse auf Kontinentalität schließen. Vorwiegend sind bisher vulkanische Gesteine, besonders Basalt, bekannt geworden, an den Küsten von Wilkes-Land angeblich auch Sandstein, und die voll der Jason-Expedition mitgebrachten, schlecht erhaltenen Versteinerungen von der Seymour-Insel vor Louis-Philippe-Land scheinen dem unteren Tertiär anzugehören. Archäische Felsarten sind, soviel bis jetzt feststeht, aus den antarktischen Ländern innerhalb des Polarkreises noch nicht bekannt geworden. Alles, was man bisher von der Zusammensetzung der Südpolarländer weiß, deutet auf das Vorherrschen ruhender und thätiger Vulkane und damit auf Jnselnatur. Granit, Diabas, Porphyr, Basalt, also ältere und jüngere Eruptiv­gesteine, Laven, Schlacken, Bimssteine sind die Aufsammlungsergebnisse der Roß'schen Expe-. dition. Um so wichtiger ist die Entdeckung tertiärer Versteinerungen auf der Seymour-Jnsel.

5. Ktimcr, Eisverhältnisse, pflanzen- und Tierwelt.

Charakteristischer für die Eigenart der Südpolarländer als die Oberflächengestalt sind das Klima und die sich aus ihm ergebenden Schnee- und Eisverhältnisse. Freilich wissen wir über das Klima im Grunde nicht viel mehr, als daß es kühl, ozeanisch ist, daß anscheinend nur geringe Extreme vorkommen, eine sehr niedrige Sommertemperatur herrscht und der Luftdruck ungewöhnlich gering ist; wir vermögen jedoch aus der gewaltigen Schnee- und Eisbedeckung die Wirkung dieses Klimas zu erkennen und Rückschlüsse darauf zu ziehen. Freilich steht uns an ge­eignetem Beobachtungsmaterial bisher nur sehr wenig zu Gebote, und auch dieses beschränkt sich fast aus die subantarktischen Inseln nördlich vorn 60. Grade; dein: für die eigentlichen Südpolar­länder liegen keine ausreichenden Beobachtungsreihen vor, da bisher noch niemand südlich von: 55. Grad überwintert hat: alle Angaben über das Klima der von: Polarkreis eingeschlossenen Südpolargebiete beziehen sich nur auf den Sommer.

Erst seit den: Jahre 1883 besitzt man überhaupt eine ein ganzes Jahr umfassende Beobach­tungsreihe von einen: Südpolarlande. Sie ist der Thätigkeit der deutschen Polarstation zu ver­danken, betrifft sonnt Südgeorgien und ist das einzige sichere Material zur Beurteilung des Gesamtklimas eines Jahres in: Südpolgebiet. Allerdings genügt auch die Zeit eines Jahres noch keineswegs überall, um eii: vollkommen klares Bild von den: Klima eines Landes zu erhal­ten; allein in: Südpolargebiet kommt die Gleichmäßigkeit des ausgesprochen ozeanischen Klimas zu Hilfe und erlaubt uns, aus den gemachten Beobachtungen eine annähernd richtige Anschauung