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[Bd. 5] (1895) Australien und Ozeanien : eine allgemeine Landeskunde / von Wilhelm Sievers
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Australien: Allgemeines. Westaustralien.

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Leider ist die Lage der australischen Kolonien in den letzten Jahren durch finanzielle Krisen schwierig geworden. Von jeher waren die Ausgaben der einzelnen Kolonien ganz außer­ordentlich groß, und der wirkliche Gewinn durch die Goldausbeute wahrscheinlich sehr gering; es wird sogar behauptet, daß, um ein Pfund Sterling Gold zu gewinnen, zwei Pfnnd Sterling hätten ausgegeben werden müssen. Auf den Kopf der Bevölkerung kommen in Australien fünf­mal soviel Staatsausgaben als in Preußen, die Staatsschulden sind größer als selbst in Frank­reich; Queensland und Neuseeland gehören zu den verschuldetsten Ländern der Erde. Im Jahre 1880 betrug die Schuldenlast des Festlandes fast 3 Milliarden Mark, im Jahre 1892 noch nahezu 2900 Millionen, mit Neuseeland und Tasmanien fast 4 Milliarden Mark. Bei günstig fortschreitender Entwickelung der verschiedenen Zweige der Bodenbearbeitung, der Industrie und des Handels und fortgesetzt zunehmender Einwanderung und Besiedelung würden die Kolonien diese ungeheure Last mit der Zeit vermindern können; allein bei ungünstigen Verhältnissen des Weltmarktes drohen finanzielle Katastrophen. Seitdem nun eine solche in der That in Gestalt des Zusammenbruchs mehrerer großer Banken 1892/93 eingetreten ist, sieht die finanzielle Lage Australiens schlechter aus als je zuvor.

ah Westaustralien.

Westaustralien, das sich nach Osten hin bis zum 129. Meridian erstreckt, nimmt mit 2,527,283 fast genau ein Drittel des australischen Kontinents ein. Aber infolge des großen­teils sehr trockenen, vielfach wüstenhaften Bodens ist die Kolonie arm an Menschen und ernährt deren nur 49,782, was die außerordentlich geringe Bevölkerungsdichtigkeit von 0,02 auf das Quadratkilometer ergibt. Die Bevölkerung beschränkt sich fast ganz auf den Südwester: zwischen Perth und Albany, den beiden Hauptstädten der Kolonie, und nnr wenige Niederlassungei: bestehen in den Bergwerksgebieten an: Murchison-Flnsse sowie an der Sharks-Bai, an: Ashbur- ton, Fortescue und anderen Flüssen. Dagegen ist der Nordwesten ganz unbewohnt und das Innere nicht minder. Neuerdings beginnt in: äußersten Norden der durch reiche Weiden und Gold ausgezeichnete Kimberley-Distrikt aufzublühen.

Günstig verläuft die Bewegung der Bevölkerung, da die Geburten die Sterbefälle überwiegen; allein da die Einwanderung, ausgenommen im Kimberley-Distrikt, gering ist, so steigt die Bevölkerungsziffer nur langsam. Nachdem 1826 Sträflinge und Soldatei: von Sydney nach den: König-Georg-Sund gesandt worden waren, begann 1829 eine englische Gesellschaft, durch beträchtliche Landschenkungen der britischen Regierung unterstützt, die Kolonisierung des Landes. Besonderen Erfolg hatte sie jedoch nicht damit, indem 1848 die Bevölkerung erst wenig über 4600 Seelen betrug. Erst seit 1851 stieg die Bevölkerung durch Einführung von etwa 10,000 Sträflingen, meist Männern, was noch jetzt auf das Zahlenverhältuis beider Geschlechter ungünstig einwirkt. In: Jahre 1868 hörte die Deportation von Sträflingen auf, da die übrigen Kolonien höchst erregt deren Einstellung forderten; seitdem hat sich die Bevölkerung allein dnrch natürliche Vermehrung gehoben.

Unter Kultur standen im Jahre 1887: 42,234 Hektar, veräußert waren 750,818 Hektar, nur 0,3 Prozent der Gesamtfläche der Kolonie. An: besten gedeiht Weizen, jedoch nur südlich von: 28. Grad, und allein das Weizenareal vermehrt sich. 1887 waren 11,000 Hektar mit Weizen bepflanzt, und zwar mit so vorzüglichen:, daß er auf der Ausstellung in Sydney den ersten Preis erhielt. Obst wird auch in größeren: Maßstabe gehegt; mit Wein sind jedoch erst 270 Hektar bebaut, und die gut gedeihenden Früchte werden nicht ausgeführt. Leider werden die Getreide­arten zuweilen durch Rost geschädigt.