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Deutsch-Äquatorial-Afrika.
zu lassen, als nur des Vergehens halber. Während sonst jeder Mord, wie oben erwähnt, durch Blut gesühnt wird, folgt auf die Tötung eines auf frischer That erwischten Diebes keine Strafe seitens der Eingeborenen, höchstens Zahlung einer Entschädigungssumme an die Anverwandten.
VII.
Der Geheimbund des Egboe-Ordens unter den Negern in Alt-Kalabar.*)
Wie die Auflösung aller staatlichen Bande im Miitelalter das Vehmgericht auf der roten Erde Westfalens hervorrief, so entstanden überall in Afrika, wenn keine Centralisation der Staatsgewalt durch fremde Eroberer angebahnt wurde, jene religiös-politischen Weihebünde, die durch den Schrecken einer geheimen Verbindung über die Vollziehung der Gesetze wachen. Als solcher herrscht der Egboe- Orden. Gegenwärtig ist derselbe schon wieder in der Auflösung begriffen (scheinbar), da er vor einigen Jahren durch seine despotischen Eingriffe einen Sklavenaufstand hervorrief, aus dem der Geheimbund der „Blutmänner" entsprang, hat sich indes in letzter Zeit durch Hervortreibung eines jungen Stammes in den „JnkaS" zu reformieren gesucht.
Der Egboe-Orden oder Efik (Tiger) ist in elf Grade abgeteilt, von denen die drei obersten, Nyampa, Obpoko oder der Messinggrad und Kakunda, für Sklaven nicht käuflich sind; andere Grade bilden der Abungo, Makaira, Bambim boko u. s. w. Der gewöhnliche Weg ist, daß Eingeweihte sich in die höheren Stufen nacheinander einkaufen; das dadurch erlöste Geld wird unter die Nyampa oder Aampai verteilt, die den innern Bund bilden; dem König selbst kommt die Präsidentschaft zu, unter dem Titel Eyamba. Jede der verschiedenen Stufen hat ihren Egboetag, an welchem ihr Jdem oder ihre gespenstische Repräsentation eine absolute Herrschaft ausübt, wie sie die Römer dem Diktator in Zeiten übertrugen, und auch Glieder anderer Stufen des Egboe-Ordens, wenn sie ihnen begegnen sollten, mit seinen Strafen nicht verschont. Das Land findet sich gleichsam in einem permanenten Belagerungszustände, der durch die
*) Nach Adolf Bastian. Geogr. u. ethnologische Bilder. Jena, 1873. p. 152.