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Deutsch-Äguatorial-Afrika.
verleihen oder verkaufen. Viel Kinder gelten als ein großes Glück; selten aber bringt eine Frau deren mehr als zwei zur Welt. Bei gänzlicher Unfruchtbarkeit fordert der Mann feine Kaufsumme zurück.
Noch rechtloser sind die Sklaven daran, welche gekauft (das Stück etwa zu zwanzig Mark) oder auf Kriegszügen geraubt werden. Dieselben, welche nebst ihren etwas besser gestellten Nachkommen an Zahl die freien Neger bei weitem übertreffen, wohnen in besonderen großen Dörfern und werden gerade nicht immer schlecht behandelt, schweben aber stets in Gefahr, beim Ableben eines Häuptlings an einen andern Stamm verkauft, dort als Totenopfer geschlachtet und wahrscheinlich auch aufgefressen zu werden. Es kommt sogar vor, daß Häuptlinge, denen es nicht gelingt, solche Opfer durch Überfall eines feindlichen Stammes zu erlangen, heimlich einigen ihrer eigenen Sklaven die Köpfe abschlagen lassen, um dieselben als Trophäen heimzubringen. Die Sklaven werden von den freien Neger „Nigger" genannt, ein Ausdruck, welcher, auf einen Freien angewendet, als die größte Beleidigung gilt. Etwas besser gestellt sind, wie gesagt, die Nachkommen solcher Sklaven, denn obgleich auch sie als unfrei angesehen werden, so dürfen sie doch Handel auf eigene Rechnung treiben, Vermögen erwerben u. s. w., haben aber bei allen Beratungen des Stammes keine Stimme.
V4.
Ein Bild westafrikanischer Justizpflege.*)
Das Bild westafrikanischer Justizpflege, welches ich in folgendem entwerfen will, spielte sich unmittelbar bei der von mir geleiteten Beka-Faktorei am 30. August 1862 ab. Ich muß dazu noch vorausschicken, daß ich in Handelsverbindung mit drei ganz verschieden sprechenden und aussehenden Völkerstümmen getreten war: die Assa- gunocomi, am Flusse Comi-Rhembue selbst wohnend, die Aschiras, weit aus dem Innern kommend, und die Bakelle, welche am oberen Flußlause des Comi-Rhembue angesiedelt waren. In einem Dorfe regierte nun zu allgemeiner Zufriedenheit der in schon etwas vorgerückterem Alter stehende König Juba. Als dieser sich eines Tages in etwas stark angeheitertem Zustande zu einem Jagdzuge aus Gorillas bereit machte, sprach zu ihm ein Freund, der über einen
*> Aus: Tagebuchaufzeichnungen in Westafrika von K. L., Leiter einer Woermannschen Faktorei. D. Kolon.-Ztg., 1886. S. 721.