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Dr. A. Plehn.
am Amazonen ströme im Jahre 1749 auf 30000 geschätzt. Unter den Einwohnern von Mauritius hauste die Krankheit 1854 und 1861 in ähnlicher Weise und auf den Fidschiinseln erlag 1874 der 5.—4. Teil der Bevölkerung (Hirsch 1. c., sowie Lynch.) 1 )
Von klimatischen Verhältnissen ist diese zeitweilige Bösartigkeit der Epidemien jedoch offenbar unabhängig, denn in Tasmania (40° S.), in den Hudsonbay- 1 ä n d e r n (60 0 N.), auf den F a r o e r i n s e 1 n etc. war die Sterblichkeit eine ähnliche, und in der gemäßigten Zone sind die jahreszeitlichen Witterungsschwankungen auf den Verlauf ebenfalls ohne Einfluß. Der Versuch mancher Autoren, die Schwere einzelner Epidemien mit dem Mangel von Pflege, Wartung und zweckmäßiger Behandlung des Kranken seitens ihrer Volksgenossen zu erklären, befriedigt nur teilweise, obgleich ein Berichterstatter (Dr. Cruiksciiank) dies mit der Angabe begründet, daß von den sorgsam behandelten Kranken nur einer gestorben sei. 2 3 )
Auch der sehr interessante und ausführliche Bericht von Lynch (1. c.) über eine Maseruepidemie auf den Fidschi insein im Jahre 1903 kommt zu dem Ergebnis, daß die Pflege der Erkrankten für den Ausgang von entscheidender Bedeutung sei. Die Mortalität der im Kolonialhospital behandelten Fidschis war rund halb so groß, wie die der in ihren Heimatdörfern verbliebenen (4,12 gegen 2,2 % ; bei dem ersten Auftreten der Seuche 1874 hatte die Mortalität 28% betragen!) Die zahlreich erkrankten Europäer (450) hatten keinen Todesfall; die von anderen Inseln importierten Polynesier (180) 0,80%. Ein Einfluß der Basse, resp. einer Durchseuchung der Vorfahren, ist also doch unverkennbar.
Wo eine Panik ausbrach und die Bevölkerung veranlaßte, ihre Kranken hilflos und ohne Nahrung im Stiche zu lassen, da haben sich die Todesfälle natürlich doppelt gehäuft. Das gleiche gilt, wenn die Masern zur Zeit von Mangel und Kriegsnot epidemisch wurden. So erlag im Kriege der Kon föderierten gegen Paraguay 1868 in 3 Monaten fast der fünfte Teil der schlecht versorgten, mangelhaft ernährten Truppen den Masern. ;j ) Meist haben liier dysenterische Erscheinungen den tödlichen Ausgang vermittelt;. während anderer Epidemien wogen Lungenkomplikationen vor. Man darf wohl annehmen, daß der bösartige Charakter der Masern wie bei anderen Infektionskrankheiten, mit der Ausbreitung zusammenhängt. Ganz besonders tritt diese Eigentümlichkeit dann hervor, wenn die Krankheit in ein Bevölkerungsbereich einbricht, wo sie vorher noch niemals oder doch seit langer Zeit nicht aufgetreten ist. (Vgl. die Beobachtungen bei den Fidschis.)
In Kamerun z. B. machen die meisten eingeborenen Kinder die dort längst eingebürgerten Masern ebenso leicht durch, wie ihre Altersgenossen in Europa, obgleich Pflege und Behandlung kaum zweckmäßiger sein dürften, als auf den Fidschi- inseln oder auf Mauritius.
Der klinische Verlauf der Masern in den Tropen scheint überall dem in der gemäßigten Zone allgemein bekannten zu entsprechen; es erübrigt also näher darauf einzugehen. Mit dem pathologisch-anatomischen Befunde wird es sich ebenso verhalten; bezügliche Angaben habe ich in der Literatur nicht gefunden.
Das Sc-harlachfleber.
Das Verbreitungsgebiet des Scharlachfiebers ist wesentlich beschränkter als das von Blattern und Masern. Wie bei Besprechung der letzteren angedeutet,
9 Lynch, A., Measles epidemic in Fiji during 1903. Journ. of tropic. Medic. Nr. VI. 1905.
2 ) Squire, Med. time, and gaz. 1877. p. 323. (Zit. n. Hirsch 1. c.).
3 ) Masterman, Dobellreports. 1870. S. 382. (Zit. n. Hirsch.)