Die akuten Exantheme.
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schwerer. Zwölfmal wurde beobachtet, daß Geheilte noch vor Ablauf von 7 Monaten zum zweiten Male in derselben Weise erkrankten. Ein Versuch der beiden Berichterstatter, durch Impfen von Rekonvalescenten zu entscheiden, ob es sich um echte Blattern gehandelt habe, gab kein eindeutiges Ergebnis, denn bei 145 von 185 nachträglich Geimpften blieb das Resultat negativ; bei 45 entwickelten sich Pusteln wie sonst bei Revaccinierten und nur bei 15 die typischen Pusteln der Erstimpflinge. Die englischen Ärzte auf den benachbarten Inseln, wo zu jener Zeit die echten Blattern herrschten, meinen denn auch, daß doch echte Blattern auch auf Trinidad Vorgelegen haben, und einige gute Photogramme, welche die Arbeit von Dickson und Laselle begleiten, geben ein Bild, welches sich in nichts von dem echter Blattern unterscheidet. Verf. möchte mit Rücksicht auf seine eigenen Erfahrungen am Sanaga die Identität der Krankheit mit Variola aber dennoch nicht für erwiesen halten.
Möglicherweise identisch mit diesen „Sanagapocken“ mag eine als „Windpocken“ bezeichnte epidemische Krankheit gewesen sein, welche 1900 besonders heftig auf Samoa herrschte und 1901 dort von neuem, aber schwächer auftrat. Über den klinischen Verlauf teilt der Berichterstatter (Dr. Schwesinger) leider nichts weiter mit. 1 ) Auch Girschner, der eine „Varizellen“epidemie auf Yap (Ostkarolinen) im Jahre 1902 erwähnt, gibt nur an, daß die Krankheit mit hohem Fieber verlaufen und eine Frau daran gestorben sei. 2 ) Weitere Aufklärungen über derartige Seuchen wären jedenfalls erwünscht.
Da es vorläufig tatsächlich unmöglich ist, im einzelnen Falle zu erkennen, ob man echte A 7 ariola vor sich hat oder nicht, so wird man in praxi seine Maßnahmen stets so treffen, als wenn echte Blattern erwiesen wären, und diesen Standpunkt nur verlassen, falls die sofort vorzunehmende Impfung mit Kälberlymphe unzweideutig positives Ergebnis liefert.
Die Masern.
Die Masern sind Weltbürger wie die Blattern und wurden mit diesen, wie mit dem Scharlachfieber bis ins 18. Jahrhundert vielfach zusammengewürfelt. Deshalb reichen die zuverlässigen Nachrichten über die Krankheit nur bis dahin zurück und lassen ihre Heimstätte nicht mehr mit Sicherheit erkennen, sondern beweisen nur, daß das Leiden zu jener Zeit fast über die ganze Erde verbreitet war. Seit Ende des 18. Jahrhunderts traten die Masern gelegentlich in großen Pandemien auf um dann für eine Anzahl von Jahren wieder zurückzutreten. Ganz verschwunden sind sie aber auch innerhalb der Wendekreise aus keinem Gebiet. Gegenwärtig spielen sie im tropischen Amerika, wohin sie im 16. Jahrhundert, gleichzeitig mit den Blattern gelangt zu sein scheinen, und in Afrika, soweit ärztliche Berichte von dort vorliegen, offenbar eine ähnliche Rolle wie in der gemäßigten Zone. In Südasien steht es ebenso. Nachdem australischen Kontinent und den polynesisehen Inselgruppen wurden die Masern mit dem wachsenden Verkehr erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts eingeführt. Zurzeit kommen auch dort sowohl mehr oder weniger gehäufte sporadische Erkrankungen ständig vor, als auch periodische Epidemien. Während solcher Zeiten epidemischen Auftretens behalten die Masern nicht immer ihren relativ unschuldigen Charakter, sondern sie können dann eine beträchtliche Bösartigkeit zeigen. So wird die Zahl der Opfer
J ) Die Gesundheitsverhältnisse auf Samoa in der Zeit vom 1. April 1901 bis31. März 1902. Arbeiten aus dem Gesundheitsamte. Bd. XXI. Heft 1.
2 ) Klima und Gesundheitsverh. auf den Ostkarolinen im Jahre 1901 1902. Ebenda.