Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1905)
Entstehung
Seite
452
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Dr. A. Plehn.

Die Sanagapocken.

In Kamerun trat während der Regenzeit des Jahres 1900 am Sanagafluß eine eigenartige Krankheit auf, welche einen großen Teil der erwachsenen Ein­geborenen und fast sämtliche farbige Zöglinge der Missionsschulen ergriff, die Europäer dagegen verschonte. Ganz plötzlich, nachdem die Tagesarbeit morgens hei bestem Wohlsein begonnen war, fühlten die Befallenen sich elend und schwach, und Fieber stellte sich ein; in schweren Fällen von Schüttelfrost eingeleitet. Das Fieber verlief während 38 Tagen in wechselnder Höhe kontinuierlich oder remit­tierend, und ging mit Kopf-, Kreuz- und Gliederschmerzen einher. Dann brach ein pustulöses Exanthem aus, welches sich nach seiner Form sowohl, wie nach seiner Verteilung, in nichts von einem disseminierten Variolaexanthem unterschied, und die Temperatur kehrte zur Norm zurück.

Der Ausschlag verschwand nach weiteren 510 Tagen, indem die einge­trockneten Pusteln abfielen, ohne Narben zurückzulassen; nur stärkere Pigmentierung bezeichnete ihren früheren Sitz. Nach 1014 Tagen im ganzen, selten erst nach 3 Wochen, waren alle Krankheitserscheinungen vorüber und nur eine mäßige Schwäche blieb zuweilen noch für kurze Zeit zurück. Todesfälle sind nicht vorge­kommen; von Komplikationen habe ich nichts gehört.

Schon dieser stets günstige Ausgang spricht unbedingt dagegen, daß es sich um echte Blattern gehandelt haben könne, denn während der kaum ein Jahr später das Kamerungebiet vom Hinterlande her berührenden Pockenepidemie endeten mindestens 30% der Fälle tödlich, und auch die übrigen verliefen meistens sehr schwer. Ferner brachen die Variolaerkrankungen niemals so plötzlich aus, wie die Sanagapocken und zeigten auch in den schwersten Fällen geringere Temperaturerhebungen. Um festzustellen, ob hier in der Tat eine Krankheit sui generis vorlag, welche vielleicht den A T aric;e 11 en nahesteht, oder doch echte Variola oder Variolois von ungewöhnlichem Charakter, impfte Verf. 40 Missions­schüler etwa 6 Mouate nach Überstehen der Sanagapocken mit Kälberlymphe und erhielt 36 mal ein positives Ergebnis. Damit dürfte einwandfrei erwiesen sein, daß es sich um Variola nicht gehandelt haben kann.

Von Laien hört man im Ausland zuweilen etwas von Erkrankungen verlauten, welche den echten Blattern ganz außerordentlich gleichen, ohne doch mit ihnen identisch zu sein. Westafrikanische Schiffskapitäne bezeichnen solche Exanthme als ,,bullocks. Von ostafrikanischen Missionaren werden dieweißen Pocken als un­gefährlich von den echten Blattern unterschieden. Stets handelte es sich bis jetzt um meist mündliche Mitteilungen von Laien. Die angeblichenbullocks geben manchen Schiffskapitäns Gelegenheit, sich um das Anerkenntnis echter Blattern an Bord zu drücken und so die Quarantäneschwierigkeiten zu vermeiden.

Neuerdings berichten Dickson und Laselle aus Trinidad in Westindien übereine von ihnen alsVarioloid Varicella bezeichnete Seuche, welche von Venezuela nach dort eingeschleppt wurde und mit unseren Sanagapocken viel gemein hat, ganz besonders den fast stets günstigen Ausgang. 1 ) Nur 0,44 °/o der Erkrankten erlagen, und die Todesfälle betrafen fast ausschließlich stark herabge­kommene Individuen, welche jeder Pflege entbehrten.

Es wurden sowohl in den letzten Jahren erfolgreich Vaccinierte, wie niemals Vaccinierte befallen, und das Leiden verlief bei letzteren keineswegs merkbar

J ) Variolid Varicella in Trinidad. Observations on its nature, origine and mode of spread, based on the observation of 4029 cases. J. R. Dickson etc. u. C. F. Laselle. Journ. of trop. medic. 1903. p. 318.