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Bd. 2 (1905)
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Die akuten Exantheme.

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Paris 1898. Einige Ergänzungen bringt Scheube in der letzten Ausgabe seiner ,Krankheiten der warmen Länder, Berlin 1903; doch sind seit 1898 auch keine neuen Arbeiten mehr angeführt. Sie dürften, sofern vorhanden, in derGaceta medica de Lima veröffentlicht sein, welche mir jedoch nicht zur Verfügung stand.

Die Blattern.

Als eine der schlimmsten Geißeln der Unkultur und Halbkultur sind seit wir zuverlässige Nachrichten überhaupt besitzen die Blattern bekannt.

A r ielleicht liegt ihre eigentliche Heimstätte innerhalb der Wendekreise. Wenig­stens kommt Hirsch auf Grund umfangreicher Quellenstudien zu dem Wahrschein­lichkeitsschluß, daß die Blattern aus Südasien (Indien) und aus Innerafrika hervor­gegangen sind und sich von dort über den Erdball verbreitet haben.

Die ersten Mitteilungen über die Seuche aus China sind etwa 3000 Jahre alt. In Afrika ist sie fast überall seit den Zeiten bekannt, in welche die Ge­schichte der Völkerschaften überhaupt zurückreicht. Gegenwärtig herrschen die Blattern auf der ganzen bewohnten Erde endemisch, oder in gelegentlichen, schweren Epidemien, und nur den höchst entwickelten Kulturländern Europas ist es gelungen, durch ihre hygienischen Maßnahmen, vor allem durch ausgedehnte Schutzimpfungen, diesen Würger mehr oder weniger vollkommen fernzuhalten. Unter den unkulti­vierten Völkerschaften in der heißen Zone, wo der Einfluß des Europäers keine Geltung besitzt, fordert die Seuche dagegen noch heute schwerere Opfer, als der erbittertste Rassenkrieg.

Wir haben uns hier nur mit den Blattern innerhalb der Tropen zu beschäftigen und müssen die allgemeine Geschichte und Klinik dieser pandemischen Seuche als bekannt voraussetzen. 1 )

In Afrika herrschen die Pocken zurzeit auf dem ganzen Kontinent und den benachbarten Inseln, wie Madagaskar, Reunion, Mauritius, den Cap V e r d e s c h e n und Kanarischen Inseln. Nach letzteren sind sie erst seit 200 Jahren wiederholt durch Sklavenschiffe eingeführt worden. Die von Hirsch angegebene Blatternfreiheit der Guineaküsten hat längst aufgehört; die Krankheit wütet dort wie im übrigen Afrika. Freilich wird sie keineswegs allein durch den Schiffsverkehr verbreitet, sondern ihr eigentlicher Sitz scheint im Innern zu sein, und vom Innern aus erreicht sie dann zuweilen die Küstenstriche. Liciitexstein konnte das Anfang vorigen Jahrhunderts, gelegentlich einer Epidemie unter den südafrikanischen Kaffern feststellen, 2 ) und ich selber beobachtete im Jahre 1901 in Kamerun eine Epidemie, welche sich der Küste bis auf wenige Meilen von dem unbekannten Innern her näherte, ohne sie jedoch ganz zu erreichen, so daß der umgekehrte Weg schon deshalb auszuschließen ist. 3 ) In Ostafrika ist es zeitweise ähnlich gewesen; die Blattern drangen dort von Nordwesten aus der Gegend der Nilquellen und vom inneren Sudan her ein. Sehr schwer herrscht die Seuche in Vo r d e r- und II i n t e r i n d i e n, wo sie in den meisten Landschaften endemisch ist und sich dann zuweilen epidemisch ausbreitet. Allein in den Präsidentschaften Bombay und Calcutta, mit einer Gesamtbevölkerung von rund 40 Millionen Seelen, be-

b K übler, Geschichte der Pocken und der Impfung. Bibliothek v. Coler. 1901.

-) Zit. nach A. Hirsch,Handbuch der historisch - geographischen Pathologie. Teil II. S. 92.

3 ) A. Plehn, Beobachtungen über die Pocken und eine blatterniiknliche Seuche in Kamerun. Arch. f. Schiffs- u. Tropenhyg. Bd. VI. 1902. Sowie

Derselbe, Die akuten Infektionskrankheiten bei den Negern der äquatorialen Küsten Westafrikas. Virchows Arch. Bd. 174. Supplementheft.