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Bd. 2 (1905)
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Dr. A. Plehn.

Symptome und Verlauf.

Man hat klinisch zwei Formen der Krankheit unterschieden: dieFievre de la Oroya oderFievre grave de Caiuiion, mit akutem fieberhaftem Ver­lauf. Hier tritt der Tod oft ein, bevor es zu einem Exanthem kommt; dann die chronischen, in einzelnen Schüben mit mehr oder weniger vollkommenen Inter­missionen von verschiedener Dauer über Jahre sich hin ziehenden, zum Teil zuletzt freilich ebenfalls tödlich endenden Formen.

Die Inkubation dauerte bei Carrion 21 Tage: meist scheint sie länger zu sein und währt bis zu 6 Wochen. Ziemlich plötzlich stellt sich dann große Abgeschlagen- lieit und Schwäche ein; Kopfschmerzen und heftige Schmerzen in den Knochen, in den Muskeln des Stammes und der Glieder treten auf, und die Gelenke, besonders die Kniegelenke und die kleinen Gelenke der Füße und Hände, schmerzen nicht minder. Die Schmerzen wiederholen sich in täglichen Anfällen während 1 bis 2 Wochen. Dann bricht unvermittelt mit einem oder mehreren schweren Schüttel­frösten hohes Fieber aus und die Kopf- und Rückenschmerzen steigern sich noch. Gleichzeitig besteht Übelkeit und Erbrechen bei totalem Appetitmangel, leb­haftem Durst und völliger Schlaflosigkeit. Während das Fieber mit unregelmäßigen Temperaturerhöhungen bis über 40° fortdauert entwickelt sich rasch eine Anämie von solcher Schwere, wie man sie sonst nur nach gefährlichen Blutungen beobachtet. Die Schleimhäute werden trocken und bleich: Ohrensausen tritt auf; der Versuch sich im Bett zu erheben führt zu Ohnmachtsanwandlungen.

Hämorrhagien sind nicht selten und können bei öfterer Wiederholung zur direkten Todesursache werden. Häufiger handelt es sich nur um Hautpetechien , die zuweilen das Bild der Purpura hämorrhagica vortäuschen. Beim Oroyafieber sollen sich die in der Haut fehlenden Yerrugaeruptionen in den inneren Organen entwickeln. Leber, Milz und sämtliche Lymphdrüsen, auch die Mesenterialdrüsen und Darmfollikel, schwellen oft sehr erheblich an ; zuweilen kommt schwerer Ikterus vor. Schließlich treten Delirien auf, der Kranke verfällt in Coma und erliegt. Oder dysenterische Darmerscheinungen und hypostatische Pneumonie vermitteln das tödliche Ende. Zuvor steigt das unregelmäßig intermittierende oder remit­tierende Fieber manchmal zu ungewöhnlicher Höhe. In anderen Fällen sinkt es schon mehrere Tage vor dem Tode zur Norm oder unter die Norm.

Bei günstigem Ausgang lassen Schmerzen und Schlaflosigkeit allmählich nach; das Fieber fällt; Leber, Milz und Drüsen schwellen ab; Appetit stellt sich ein und die Anämie schwindet.

Die Dauer des schweren, tödlich endenden fievre grave de Carrion beträgt 26 Wochen. Rascher und vollkommener Temperaturabfall gestatten eine günstige Prognose. In anderen Fällen geht das Leiden vor der Wiederherstellung in die chronische Form über, nachdem sich die charakteristischen Hauteruptionen gebildet haben. Längere Perioden völligen Zurücktretens aller Krankheitssymptome sind für den chronischen Verlauf charakteristisch und dürfen nicht dazu verführen, vor­zeitig eine günstige Prognose zu stellen.

Meistens zeigt die Verruga von Beginn an diesen chronischen Charakter. Die Krankheit beginnt dann ganz allmählich mit Mißbehagen, unbestimmten Schmerzen, Verdauungsstörungen, kleinen, rasch vorübergehenden Temperaturer­hebungen, mäßiger Anämie. Diese Erscheinungen werden vom Kranken nicht beachtet, oder vom Arzt mißdeutet. Daher kommt es wohl, daß man der Verruga wiederholt eine mehrmonatliche Inkubationszeit zusprach, zumal, da völliges Wohl­befinden die geringen Anfangsbeschwerden zeitweise unterbricht. Allmählich aber vermehren sich die Störungen; der Appetit verschwindet ganz, und mit den zu-