Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1905)
Entstehung
Seite
427
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Die Pest.

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wichtiges Kennzeichen ist die Agglutination des Pestserums, die vom 9. Krank­heitstage bis in die 8. Woche hinein beobachtet wurde (Deutsche Pestkommission).

Row mischt Serum, das er aus der Fingerkuppe entnommenen Blutstropfen erhält, mit einer in physiologischer Kochsalzlösung aufgeschwemmten Pestagarkultur und läßt das Gemisch 24 Stunden stehen, trocknet es und färbt dann. Im Serum Gesunder ver­mehrte sich der Bazillus, ebenso im Serum schwerer Pestfälle. Im Serum von Pest­rekonvaleszenten geht er zugrunde.

Nach Uriarte zeigte sich die Agglutination bei den Pestepidemien in Paraguay, Rosario und Buenos Ayres immer erst sehr spät und sehr inkonstant und fehlte oft selbst bei bakteriologisch und klinisch sichergestellter Diagnose.

Die allgemeinen hygienischen Maßregeln zur Beschränkung der epidemischen Ausbreitung schließen sich den bei anderen Epidemien zur Ausführung kommenden an.

Die Hauptgrundsätze der Pestbekämpfung bestehen in zwangsweiser Spitals­pflege des Erkrankten, Isolierung und Beobachtung aller derer, welche mit ihm in Berührung gekommen waren, über die Inkubationszeit hinaus, d. i. durch 10 Tage, ferner in Desinfektion oder Vernichtung seiner Gebrauchsgegenstände, schließlich in Reinigung und Desinfektion seiner Behausung.

Wie schwer derartige Maßregeln, die so tief in das Familienleben eingreifen, im Oriente durchzuführen sind, wo sie auch die religiösen Anschauungen stören, und mancher zwingenden Yolkssitte direkt zuwiderlaufen, zeigen die ungeheuren Schwierigkeiten, welche die englische Verwaltung in Indien mit der Pestbe­kämpfung hat.

Neben der Bekämpfung der Pest unter den Menschen stehen die Bemühungen zur Eindämmung der Rattenpest. Diese bestehen vor allem in der Sorge um die gefahrlose und möglichst vollständige Wegschaffung der toten Ratten aus den menschlichen Behausungen oder deren Nähe. Die Versuche zur Rattenver­tilgung mit Giften oder durch künstliche Erregung anderer Infektionskrankheiten unter ihnen wiesen bisher noch keine bedeutenden praktischen Erfolge auf (Schilling).

Ganz verläßlich ist bisher nur die Vertilgung von Ratten auf Schiffen durch­führbar (s. oben). In Speichern usw. werden zur Verfolgung der Ratten neben Katzen und Hunden Frettchen und Mungos benutzt.

Behandlung.

Die s y m p t o m a t i s c h e B e h a n d 1 u n g der Pest richtet sich in erster Linie gegen die Herzschwäche, welche ja den Verlauf der Krankheit beherrscht. Leider sind die Erfolge von Herzmitteln, Digitalis und Strophautus, nach den bisherigen Erfahrungen nicht bedeutend. Eine Behandlung mit kühlen Bädern, ähnlich wie Typhus, wäre zu versuchen. Die allgemeine Ernährung soll, trotz des Fiebers, eine möglichst gute sein.

Für Bubonen empfiehlt sich die chirurgische Incision, die weitere Erfahrung wird zeigen, ob durch frühzeitige Excision, oder durch Incision, nachdem schon Fluktuation vorhanden ist, bessere Resultate erzielt werden. Die Behandlung der Bubonen und Karbunkel ist eine rein lokale, und folgt aus den allgemeinen Grund­sätzen der Therapie von akuten Schwellungen und von Geschwüren.

Seit der Entdeckung des Pestbazillus ist man bemüht, zu einer wirksamen spezifischen Therapie mit Hilfe von Pestserum zu gelangen. Die ersten Ver­suche wurden gleich von dem Entdecker des Pestbazillus, Yehsin gemacht, und seither zunächst im Institut Pasteur, dann auch an anderen Orten fortgesetzt. Die ersten