Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1905)
Entstehung
Seite
313
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Cholera asiatica.

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werden nur die genossenen Speisen erbrochen, bald wird aber das Erbrochene grünlich, dünnflüssig und ist von bitterem Geschmack, selten ist es völlig entfärbt oder reißwasserartig. Während das Erbrechen häufig rasch verschwindet, bleiben die Durchfälle in großer Heftigkeit bestehen. Es tritt Fieber auf, die Haut fühlt sich dabei auffallend kühl an, der Puls ist klein, die Urinsekretion gering oder stockt vollständig.

Im Urin finden sich spärliche Mengen Eiweiß. Uber Ziehen in den Waden wird gleichfalls häufig geklagt. Der geschilderte Zustand führt in einem Teil der Fälle zum schweren typischen Choleraanfall; in einem anderen Teile erholt sich der Kranke allmählich von der Cholerine; die Erholung geht meist nur langsam von statten; nicht selten entwickelt sich daraus ein febriler oder fieberloser Krankheits­zustand mit allgemeiner Schwäche, leichten Schweißen, belegter Zunge und starkem Durste, ein Krankheitsbild, welches etwas an das sogenannte Choleratyphoid erinnert.

In mehreren Choleraepidemien waren die Choleradiarrhöe und die Cholerine ge­wissermaßen die Vorstufe der Cholera gravis; in der letzten Hamburger Epidemie war das in etwa 50% der Fall; Rumpf ist daher geneigt, die Choleradiarrhöe und die Cholerine als leichtere Erkrankungsformen des Morbus asiaticus aufzufassen.

4. Cholera gravis.

Dieselbe entwickelt sich entweder langsam, indem ihr längere Zeit Prodromal­erscheinungen vorausgehen, bald 13 Tage, bald mehrere Wochen, oder sie entsteht ganz plötzlich; letzteres kam in der Hamburger Epidemie in einem großen Teil der Fälle zur Beobachtung. Auch hier ist das Wechselnde in dem Bilde zu betonen; bald geht Übelkeit, Unbehagen, Frösteln dem eigentlichen Anfall voraus, bald bildet sich ohne Vorboten eine stürmische Diarrhöe mit charakteristischen Stühlen und Er­brechen. Im Anschluß daran bildet sich das von den alten Autoren als Stadium asphycticum oder algidum Cholerae bezeichnete schwere Krankheitsbild aus.

In vereinzelten Fällen entsteht dasselbe ohne vorhergegangene stärkere Durch­fälle und Erbrechen.

Das Auftreten der Durchfälle ist gewöhnlich schon von Ziehen in den Schenkeln, von Kältegefühl an Händen und Füßen, allgemeiner Unruhe begleitet oder gefolgt. Die Stühle nehmen das charakteristische Aussehen der Reißwasser­stühle an; innerhalb von kurzer Zeit kommt es zu großer Schwäche, Übelkeit, Ge­fühl von Schwindel, Ohrensausen, Herzklopfen, Angst und Beklemmung, Druck in der Herz- und Magengegend; das Gesicht des Kranken verfällt, die Haut wird grau­blau und verliert ihren Turgor.

Das Erbrochene enthält zuerst noch Speisenreste, bald darauf zeigt es gallige Beschaffenheit, um schließlich eine, den Stuhlentleerungen nicht unähnliche flockige, reißwasserartige Beschaffenheit anzunehmen.

Zu der Angst und dem Schmerzgefühl in der Herz- und Magengegend gesellt sich starker Durst und innere Hitze. Ein Teil der Patienten wird aufgeregt und 1 unruhig, ein anderer apathisch und somnolent; infolge der krampfhaft gespannten Wadenmuskulatur (oder seltener Armmuskulatur) ist ihr Gesicht häufig schmerzhaft | verzogen. Die Stimme ist heiser, die Haut kühl, die Nase kalt und spitz, die [ Stirne mit kaltem Schweiß bedeckt, die Augen umgibt ein dunkler Ring. Hände,

| Finger, Lippen und Nägel werden cyanotisch. Die Temperatur sinkt unter die i Norm, ohne daß der Kranke sein unerträgliches Hitze- und Durstgefühl los wird. Trinkt er etwas, so tritt sofort wieder Erbrechen auf, es gesellt sich häufig ein un­erträglicher Singultus dazu. Die Zunge ist in der Regel weißlich belegt und wird häufig schmutzigblau und trocken.

Die Tenrperatur fällt selten unter 35°, der Puls ist schwach, 7080 in der