Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1905)
Entstehung
Seite
309
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Cholera asiatica.

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3. Die Infektion durch Nahrungsmittel: Dieselben können durch in­fiziertes Wasser, durch Insekten (Fliegen) infiziert sein, in erster Linie kommen Gemüse und Milch in Betracht. Die durch Nahrungsmittel verursachten Epidemien treten meist wie die durch Kontaktinfektion verursachten auf.

4. Die Übertragung der Cholera durch die Luft ist belanglos, wenn sie über­haupt je vorkommt (Flügge).

Pettenkofers Theorie. Pettenkofek hat das große Verdienst, durch sorgfältiges Studium der Choleraepidemien nachgewiesen zu haben, daß sich die Cholera nicht gleichmäßig über ein bestimmtes Ländergebiet verbreitete, sondern gewisse Gegenden und Städte fast immer frei davon blieben, z. B. in Deutschland Hannover, Stuttgart, in Frankreich Lyon u. a. Er schloß daraus, daß nicht nur das eingeschleppte Choleragift, sondern auch gewisse, nicht näher bekannte Eigen­schaften der Örtlichkeit eine Rolle spielten, welche er alsörtliche Dispo­sition bezeichnete. Außerdem wies er darauf hin, daß in Deutschland die Choleraepidemien ihre größte Ausdehnung im Spätsommer und Herbste hätten, während die geringste Ausdehnung in die Wintermonate falle. In anderen Ländern liegt das Maximum und Minimum in anderen Zeiten.

Pettenkofek sprach deshalb ferner von einer zeitlichen Disposition.

Pettenkofek erkannte den Kommabazillus Kochs als die lange gesuchte Größe in seiner Gleichung mit drei Unbekannten an, meinte aber, daß derselbe nicht genüge, um das Ausbrechen einer Choleraepidemie zu erklären, dazu sei noch eine andere bisher unbekannte Größe y nötig, welche er sich an die Lokalität ge­bunden vorstellte (Grundwasserhöhe).

Auf nähere Angaben kann hier nicht eingegangen werden, da diese heutzutage in erster Linie nur noch historisches Interesse haben.

Wichtiger ist es darauf hinzuweisen, daß zweifellos bei jeder Choleraepidemie die individuelle Disposition eine große Rolle spielt; worauf dieselbe im Einzelfalle beruht, ist nicht bekannt; im allgemeinen ist zu sagen, daß arme, obdach­lose Leute, welche meist von der Hand in den Mund leben, leichter erkranken als Reiche; Kranke, im höheren Alter Stehende, Menschen von schwacher Konstitution, Trinker sind der Infektion in hohem Maße ausgesetzt. Säuglinge sind nur insofern immun, als sie mit der Brust ernährt werden. In der letzten Hamburger Epidemie erkrankten Hafenarbeiter, Wäscherinnen, Arbeiter der Gasanstalten besonders reich­lich, während Bierbrauer wohl deshalb, weil sie kaum Wasser trinken, der Infektion wenig ausgesetzt waren.

Andere Krankheiten geben ebensowenig wie schon einmaliges Überstellen der Krankheit Schutz gegen Cholerainfektion.

Pathologische Anatomie.

Da die Cholera im wesentlichen eine Vergiftung des Körpers durch die Toxine der im Darm eingedrungenen Cholerabazillen darstellt, hat sie mit den übrigen In­toxikationen die Eigentümlichkeit, daß die pathologisch-anatomischen Veränderungen in einem gewissen Mißverhältnis zu der Schwere der Erkrankung stehen.

Das äußere Ansehen der im Stadium algidum verstorbenen Leichen wird meist als etwas Charakteristisches angesehen: die Leichen faulen langsam, die Haut ist häufig von graublauer Farbe, die Lippen, Angenlider, Finger und Füße sind grauschwarz, die Augen sind tief eingesunken, von blauen Rändern umgeben, das Abdomen eingesunken. Die Totenstarre ist beträchtlich, die Haltung der Glieder fechterartig, die Finger sind stark gekrümmt. Verhältnismäßig häufig sind post-