Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1905)
Entstehung
Seite
274
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Bevölkerung gegenüber, die von vornherein mißtrauisch ist oder deren religiösen Ge­bräuche durch die notwendigen sanitären Maßregen betroffen werden. Da es ferner sehr von den Lebensgewohnheiten der Menschen abhängt, in welcher Weise und wie rasch die Ruhr verbreitet wird, so wird der Tropenarzt gut tun, sich beizeiten mit den Lebensgewohnheiten derjenigen Bevölkerung, in deren Land er lebt, ver­traut zu machen.

Ich möchte noch einige Worte über das Tragen von Leibbinden und die Notwendigkeit einer geregelten Lebensweise sagen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß in tropischen und subtropischen Gegenden mit schroffen Temperatur­wechseln, die zu Erkältungen, namentlich des Leibes, disponieren, die Ruhr erheblich stärker verbreitet ist als in entsprechenden Ländern, denen diese Temperaturwechsel fehlen. Daraus hat man früher geschlossen: Erkältung des Leibes ruft Dysenterie hervor. Das ist in dieser Fassung sicher nicht richtig. Wohl aber läßt sich an­nehmen, daß sowohl Erkältung des Leibes als auch Exzesse im Essen und Trinken Störungen in einem bereits infizierten Organismus hervorbringen können, die die bis dahin latente Infektion zum Ausbruch bringen. Denn nach dem jetzigen Staude unserer Kenntnisse müssen wir das Epithel des Darmes als denjenigen Schutzwall ansehen, der den Krankheitserregern und ihren Stoffwechselprodukten das Ein­dringen in den Körper verwehrt. Wird nun dieser Schutzwall in seiner Wider­standsfähigkeit geschwächt, so werden Krankheitserreger, die er bis daliin zurück­gehalten hat, eindringen können. Eine solche Herabsetzung der Widerstandskraft des Darmepithels wird aber wahrscheinlich durch Erkältungen oder Unmäßigkeit im Essen und Trinken hervorgerufen. Im letzteren Falle kann eine direkte mechanische Schädigung eintreten oder aber es kann ähnlich wie bei Erkältungen die Schädigung durch Herabsetzung der Peristaltik und durch venöse Stauung bedingt werden. Man wird also gut tun, den alten Erfahrungen zu folgen und in besonders gefährlichen Gegenden Leibbinden tragen, und zwar namentlich nachts, um sich vor Erkältungen des Leibes zu schützen und außerdem alle Exzesse im Essen und Trinken zu meiden.

Literatur. r )

1898 Alessandri, R., Über die Wirkung des Colitoxins, hervorgebrackt in einem Falle von Dysenterie usw. Centralbl. f. Bakter. Bd. XXIII. S. 685.

1894 Alix, P., Contribution ä la geographie medicale. Arck. de med. nav. T. 62. p. 324.

1901 Amberg, S., A contribution to the study of amebic dysenterie in children. Bull, of

the Johns Hopk. Hosp. Yol. XII. Ref. in Centralbl, f. Bakt. I. Abt. 1902. Bd. 31. S. 147.

1902 Amos, Sheldon, A critieal review of recents works on the etiology and pathology

of dysenterie. Journ. of pathol. and bacter. Vol. VIII. Nr. 3. p. 346.

1889 Amouretti, Arch. de med. nav.

Anlagen zum Jahresbericht über die Entwicklung der deutschen Schutzgebiete in Afrika und in der Südsee im Jahre 1900/1901.

1841 Annesley, Researches into the causes, nature and treatment of the most prevalent diseases of India. 2 edit. London, p. 371.

*) Die Literaturangaben umfassen sowohl Amöben- als auch Bazillenruhr. Es war unmöglich, die Literatur durchgehend in solche für Amöben- und solche für Bazillenruhr zu scheiden, weil viele Arbeiten über beide Ruhrarten handeln und daher fortwährende Wiederholungen nötig geworden wären.