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Prof. Dr. Georg Sticker.
Ob man im gegebenen Falle Kolonien oder Lepraheime oder freie Pflege der Leprösen bevorzugen wird, hängt natürlich von der Zahl der Kranken, von ihrer Art und von den äußeren Verhältnissen ab. Die Engländer geben ein gutes Beispiel, wie man sich da jedesmal anpassen kann. Sie haben in Australien, in Malta und in Cypern bei überwiegend europäischer Bevölkerung, die unter günstigen hygienischen Verhältnissen lebt, neben der Anzeigepflicht und Überwachung der Einwanderer die Isolierung der Leprösen in Asylen bestimmt. In Südafrika, wo die Isolierung in Lazaretten unmöglich wäre, haben sie die Ansiedlung in Dörfer und besondere Häusergruppen verfügt. Auf den Antillen, in Guyana und auf Malakka setzen sie die Ausweisung lepröser Vagabunden, die Isolierung bedürftiger Lepröser in Spitälern, das Gewerbeverbot für Lepröse und die Überwachung der Einwanderung durch. In dem lepradurchseuchten Indien, Birinan und Beludschistan besteht ebenfalls das Gewerbeverbot, die Ausweisung von Landstreichern, die freiwillige Isolierung für Bemittelte, die zwangsweise Isolierung für arme Lepröse; dazu kommt die Anlage neuer Kolonien, die Vermehrung und Vergrößerung der Asyle. In den letzteren unterstützen sie die Autorität der Missionare, welche mit Sprachen und Sitten des Landes durch jahrelangen Aufenthalt bekannt geworden sind.
Die Durchführung der Anzeigepflicht ist natürlich die Grundlage für jegliche Maßnahme wider die Verbreitung der Lepra und für jegliche Fürsorge zugunsten der Kranken.
Daß von der Isolierung keine Form der Krankheit entbinden kann, daß die Meinung. Kranke mit der nervösen Form brächten keine Gefahr, irrig und verhängnisvoll ist, haben die Untersuchungen über die Nasenlepra ergeben.
Leprafreie Länder können und müssen sich durch Sperrmaßregeln gegen die Einschleppung der Seuche schützen. Diese dürfen um so strenger geübt werden, als die angebliche Heilung der Lepra oder auch nur die Milderung derselben durch Übersiedlung des Kranken in ein leprafreies Land ein bloßes Märchen ist, das zwar in allen Lehrbüchern weitererzählt wird, aber jede Erfahrung gegen sich hat. Gute Pflege und geordnete Lebensweise helfen den Leprösen in Lepraländern so viel und so wenig wie in leprafreien Ländern.
Bei der Durchführung von Sperren sind vor allem die aus Lepraländern heimkehrenden Soldaten, Seeleute, Kolonialbeamten und Handlungsreisenden im Auge zu behalten; ganz besonders aber Masseneinwanderungen zu bekämpfen, wie sie in den jüngsten Zeiten immer noch aus China, aus Vorderindien und Hinterindien in die europäischen Kolonien sich als die wirksamsten Ausbreiter der^Lepra ergießen.
Die Behandlung der Leprösen.
Die Schwankungen im Verlauf der leprösen Erkrankung, die Stillstände und Rückgänge der Läsionen zeigen, daß das natürliche Heilbestreben des Organismus auch in der hoffnungslosesten aller Krankheiten nicht ganz ruht. Aber wirkliche Heilungen sind seltene Ausnahmen und in der Regel macht es den Eindruck, als ob der Organismus sich wider die Leprainfektion nicht wehre, sondern sich ahnungslos und schutzlos durchwuchern lasse, wie sich ein Haus vom Hausschwamm durchwachsen läßt, bis es zusammenbricht. AVeder örtliche Reaktionen in irgend einer Form der Entzündung noch allgemeine unter den Zeichen von Fieberbewegungen treten im Krankheitsbilde der Lepra einigermaßen häufig hervor. Es handelt sich bei der Leprose um ein schrittweises Unterliegen des Kranken gegenüber einem Feind, der leise und heimlich wie bei Nachtzeit in eine Stadt eindringt und nur gelegentlich auch einmal, gleichsam aus Laune, die schlafenden Bürger weckt und zu kraftloser Gegenwehr reizt.