Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1905)
Entstehung
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208
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Prof. Dr. Georg Sticker.

Lepröser, bei welchem die Krankheitserscheinungen an Haut und Nerven zurück­gehen oder seit Jahren keinen Fortschritt gemacht haben, ist als geheilt und als ungefährlich für seine Umgebung erst dann anzusehen, wenn die Ausheilung des Primäraffektes in der Nase festgestellt ist.

Sollte einmal die Untersuchung der Nase und ihres Exkretes ohne Ergebnis bleiben und gleichwohl der Verdacht auf Lepra drängen, so kann man zur Hervor- rufung einer bazillenreichen Absonderung die Tuberkidinreaktion Koen's oder die Jodkaliumprobe Stickeiis verwenden. Heide haben sich wie bei Tuberkulösen so auch bei Leprösen wirksam gezeigt.

Prognose.

Die Lepra ist eine unheilbare Krankheit. Hr/rxw f; rovuo^l Once a leper, always a leper! So lautet das Urteil von Jahrtausenden. Ob die Kenntnis des Primäraffektes die traurige Prognose mildern wird, muß die Zukunft lehren. Die wenig günstigen Erfahrungen über die Exstirpation des harten Schankers bei der Syphilis mahnen vor zu großer Hoffnungsfreudigkeit. Was die Hoffnung unter­stützen möchte, sind die Erfahrungen, daß die Lepra eigentlich nur fortschreitet trotz der fortwährenden örtlichen Abheilungen; daß immer wieder neue Eruptionen überwunden und ausgeglichen werden und erst ganz allmählich ein endliches Unter­liegen des Organismus sich kundgibt. Das gilt ja besonders für die Nervenlepra. An ihr ist der einzige virulente Herd, den wir in vielen Fällen aufzufinden ver­mögen, der Affekt in der Nase. Von ihm gehen laut den begleitenden Symptomen die Späteruptionen aus. Mit der Unterdrückung ihrer Quelle müßte, so möchte man denken, das Übel zum Stillstand, ja in den leichteren Fällen, in denen die entstandenen Defekte noch ausgleichbar sind, zur Heilung gebracht werden können Sind bisher nur darumhoffnungslos die Leprösen geblieben, weil der Arzt seine Kunst nicht wider die kleinsten Anfänge des Leidens anwenden konnte? Hoffen wir es!

Daß die Lepra das Leiten gewöhnlich bedeutend abkürzt alter nicht notwendig alikürzen muß, ist bereits hervorgehoben worden.

Prophylaxe.

Wenn wir in der Seuchenlehre etwas sicher wissen, so ist es dieses, daß die einzige Gelegenheit leprös zu werden, der Aufenthalt in einer Lepragegend oder der innige Verkehr mit Leprösen ist und daß das einzig sichere Verfahren, die Aus­breitung der Lepra zu verhüten, die Aussonderung aller Leprösen aus der mensch­lichen Gesellschaft ist. Die Aussonderung ist im Lauf der Zeit und in verschiedenen Ländern in verschiedener Weise geschehen, entweder durch Ausstoßung der Leprösen ins Elend, oder durch die Beschränkung der Leprösen auf bestimmte Bezirke, oder durch Verpflegung derselben in Asylen und Spitälern.

Die einfache Ausstoßung widerstrebt den zivilisierten Völkern; sie ist unter europäischen Verhältnissen geradezu unmöglich geworden. Wir müssen uns also mit den beiden anderen Maßregeln helfen und tun dies auch dann, wenn die Leprösen solchen Volksschichten angehören, in denen eine andere Form der Lepra­abwehr, welche die Hygiene der neueren Zeit gelehrt hat, unausführbar ist, ich meine die Gewöhnung der Kranken an die strengsten Regeln der Reinlichkeit, deren Inhalt einfach dieser ist. den Leib und alles, was mit ihm in Berührung kommt, Kleidung, Bett, Zimmer, Haus und Hof rein zu erhalten, natürliche und krankhafte Entleerungen peinlich zu entfernen und die Besudelung der Umgebung damit zu