Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1905)
Entstehung
Seite
146
Einzelbild herunterladen
 

146

Prof. E. Balz und Prof. Kinnosuke Micha.

Ätiologie und Yorkommen.

'Während über das anatomische Wesen der Beriberi seit den Untersuchungen von BÄr.z und Scheune wohl kein Zweifel mehr herrscht, bestehen über die Ursache des Leidens noch immer ganz verschiedene Ansichten.

Wir neigen uns nach reiflicher Überlegung zu der Anschauung, daß es sich um eine Infektion handelt, wobei die Nahrung insofern eine Bolle spielt, als d i e K r a n k h e i t überwiegend bei Reis essenden V ö 1 k e r n v o r k o m m t. Wir befinden uns in dieser Auffassung in Übereinstimmung mit Scheune, Anderson,. Manson, Fienig, Pekeeharing und Winkler u. a.

Ehe wir die Gründe für die infektiöse Natur ausführlich erörtern, seien die anderen Auffassungen über das Wesen der Krankheit erwähnt.

Die öfter wiederkehrende Behauptung, Beriberi sei eine Form von Anämie, ist befremdend für jemand, der viele frische und unkomplizierte Fälle gesehen hat, denn er weiß, daß weit überwiegend kräftige und wohl­genährte Menschen im besten Alter primär erkranken.

So war 1881 im Tokyo Beriberihospital von 626 frisch erkrankten Patienten die Ernährung als gut bezeichnet bei 593, als mittel bei 26, als schwächlich bei 7. Und Scheube fand bei 87° 0 starke oder mittlere, bei 13°/ 0 schwache Konstitution. Ähnliches berichten Simmons u. a.

Übrigens zeigt die Untersuchung des Blutes selbst, daß bei ganz frischen Fällen weder Hämoglobin noch Zahl der roten Blutkörperchen wesentlich vermindert sind; im Laufe der Krankheit freilich können beide Werte, namentlich bei der hydropisehen Form, sehr tief sinken, aber in diesen Fällen ist die Anämie die Folge, nicht die Ursache der Krankheit. Daß vollends die Auffassung der Beriberi als einer Art perniziöser Anämie verkehrt ist. geht schon aus der geringen Sterblichkeit hervor.

Der Anämietheorie nahe stellt die Ansicht, welche in der Beriberi die Folge einer mangelhaften Ernährung sieht, oder vielmehr einer mangelhaften Zusammensetzung der Nahrung. Bald wurde die Eiweißarmut, bald der Mangel an Fett besonders betont und namentlich der sowohl eiweiß- als fettarme Reis als Ursache immer wieder angeschuldigt. Es ist, wie gesagt, Tatsache, daß Beriberi besonders unter Reis essenden Völkern vorkommt, und die später zu besprechenden auffallenden Resultate Takaki's in der japanischen Marine durch Ersatz des Reises durch Brot und Gerste geben ernstlich zu denken. Auch aus der holländischen Marine und Armee in Ostasien wurden ähnlich günstige Erfolge durch Diätänderung berichtet, freilich nicht, ohne bald Widerspruch zu finden. Denn die Schwankungen in der Morbidität an Beriberi gingen durchaus nicht immer mit der Änderung der Nahrung parallel, sondern bei gleicher wie bei veränderter Nahrung fand periodische Ab- und Zunahme der Erkrankungen statt. Jedenfalls sprechen gegen ungenügende Nährstoffe als Ursache die schon erwähnte Tatsache,, daß meist kräftige junge Männer erkranken, ferner, daß sich Beriberi doch auch bei Leuten findet, die wenig oder keinen Reis essen (solche Beispiele sind mehrfach berichtet) 1 ), daß sie bei gleicher Nahrung Frauen und Kinder viel seltener befällt als Männer; daß sie dauernd neue Bezirke erobert, ohne daß Änderung der Nahrung eintrat, daß sie endemisch für ein oder mehrere Jahre auftritt und dann wieder verschwindet, obwohl sich die Menschen während der ganzen Zeit gleich nährten.

*) Daß in Brasilien kein Reis gegessen wird, wie Scheube angibt, ist aber nicht richtig. Der Reis spielt dort allerdings nicht die Rolle wie in üstasien, es wird aber sowohl einheimischer als ostindischer Reis von allen Klassen genossen. Dagegen war bei der Epidemie unter den Buren in St. Helena nach Wheeler Reis mit Sicherheit auszu­schließen.