Teil eines Werkes 
Bd. 3 (1906)
Entstehung
Seite
695
Einzelbild herunterladen
 

Tropische und subtropische Viehseuchen.

695

Die Menge der übergeimpften Parasiten scheint für die Schwere der Er­krankung ohne Bedeutung zu sein, ebenso der Ort und die Art der Impfung; da­gegen wird die Inkubationsdauer in der AVeise beeinflußt, daß sie um so kürzer wird, je mehr Parasiten übergeimpft werden und je lebenskräftiger diese sind. Einen noch ausschlaggebenderen Einfluß aber äußert die in ungemein weiten Grenzen schwankende Virulenz der einzelnen Trypanosomenstämme (natürlich derselben Trypanose) in dieser Beziehung.

Natürliche Infektion und Überträger.

Wie die natürliche Infektion zustande kommt, wissen wir nur für drei Try- panosen mit Sicherheit: für die menschliche Schlafkrankheit (s. dort), die Nagana oder Tsetsekrankheit und die Surr ah (auf den Phlippinen und Mauritius, noch nicht sicher für Indien). Es handelt sich in allen drei lallen um Stechfliegen und zwar bei den beiden ersten Seuchen um Tsetsen*) (Glossinae Wiedemann), im zweiten Stomoxysaxten (= Waden Stecher), also sehr nahe Verwandte der Tsetsen. Die Tsetsen sind auf Afrika beschränkt, die Wadenstecher aber Weltbürger.

Für die Nagana hat David Bruce schon 1895 den Nachweis geführt, daß die Tsetsen der Morsitansgruppe (s. weiter unten) die Üerträger sind. 1905 ist es R. Kocii (Brief vom 3. Juli in derKöln. Zeitung 41 veröffentlicht) gelungen festzustellen, daß der geschlechtliche Entwicklungsgang des Trypanosoma bracei in diesen Tsetsen wirklich stattfindet, eine Theorie, die ich auf Grund meiner Be­obachtungen an genuinen Fällen gegen Koch schon seit Anfang 1902 vertreten habe.

Da in diesen Gegenden der Tsetsekrankheit die menschliche Schlafkrankheit aber nicht vorkommt, sondern sich nur da findet wo es (infizierte) Glossinae palpal es gibt, so muß man annehmen, daß nicht jede Tsetsenart jede Trypanose übertragen kann, zum mindesten nicht auf jeden Warmblüter. Es wird also gerade nach der jüngsten Koch sehen Feststellung zu untersuchen sein, welche Tsetseart den Wirt für die Trypanosomen der verschiedenen Säugerordnungen, -Familien und -Gattungen dar stellt.

Für die Surrali ist auf den Philippinen 1902 durch Curry die Stornoxys calcitrans (?) L. als Überträger nachgewiesen und von Musgrave und Clegg be­stätigt ; auf Mauritius geschieht die Übertragung dieser Seuche nach Daruty de GrandjRE durch Stornoxys nigra. In Gegenden des östlichen Afrikas, die mit Indien in engem Verkehr stehen, und wohin auch lebendes A r ieli von Indien oftmals eingeführt wird, haben schon Livingstone und Merensky, in neuerer Zeit ich und dann Brauer Beobachtungen gemacht, die darauf hinweisen, daß auch hier eine der Stornoxys calcitrans zum mindesten sehr ähnliche Stomoxysart als Über­trägerin einer Trypanose betrachtet werden muß. Nach meinen Präparaten leider nur gefärbten und dem regen Verkehr dieser Gegenden mit Indien stehe ich nicht an, diese Trypanose, die stets schleppender verläuft als die Nagana, für indische

0 An Stelle vonTsetseTsetsefliege zu sagen, halte ich für einen Pleonasmus. Denn tse-tse ist wohl nichts anderes als das Bantuwort nsi = Fliege, verdoppelt nach Bantubrauch, um den Europäer nachdrücklich aufmerksam zu machen, und zwar um die Lesutoform dieses Wortesntsi. Übernommen ist die Bezeichnung tse-tse nach Capt. Richard Crawshay (bei Austen, Monograph) von den Basutodienern der ersten Europäer, die mit Tsetsen in Berührung kamen. Das (betonte!) Vorschlags-n lassen auch heute noch viele Europäer fort, die anfangen Bantusprachen zu sprechen; und das e mit accent aigu ist Livingstones Schreibweise für das lange Bantu-I am Schluß der Worte. Geradezu spaßig ist übrigens Stanleys Deutung des lviseguhawortes für Tsetse kipaange = kleines Schwert! Schwert heißt päuge, die Fliege in ihrer ursprünglichen AVortform aber (Ki)palange!