Teil eines Werkes 
Bd. 3 (1906)
Entstehung
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Dr. C. Mense.

R. Ross hat allerdings in vitro einen Einfluß von Röntgen-, Einsen- und Radiumstrahlen auf lebende Trypanosomen nicht feststellen können, hält aber trotz­dem weitere Experimente in dieser Richtung für angezeigt, ebenso Sciiaudinn.

Die eigentliche Lichtbehandlung hat nach Busck und Tappeiner auf Tryp. brucei keinen Einfluß.

Gute Ernährung und sorgsame Pflege, besonders Hautpflege, Wasch­ungen, Bäder, Reinhaltung von Mund und Nase vermögen das Leben der Kranken zu verlängern, sowie Komplikationen und Sekundärinfektionen zu verhüten. Es ist wiederholt beobachtet worden, daß schon im zweiten Stadium befindliche Eingeborene nach der Aufnahme in ein Krankenhaus oder eine Missionsanstalt wochen- selbst monatelang den Eindruck von Genesenden und Geheilten machten.

Prognose.

Es ist bis jetzt kein Fall von unzweifelhafter, dauernder Heilung eines Kranken im zweiten Stadium, d. h. nach Erkrankung des Centralnervensystems, festgestellt worden.

Auch aus dem ersten Stadium und dem Vorstadium ist noch keine völlige Genesung beobachtet worden. Wohl aber gibt es eine Reihe von Weißen und Farbigen, welche trotz wiederholtem Nachweis von Trypanosomen im Blute und nach einem oder mehreren Anfällen von Trypanosomenfieber sich jetzt schon monate­lang, vielleicht jahrelang eines ungetrübten Wohlbefindens erfreuen. Die Möglichkeit einer Heilung solcher Kranker ist deswegen nicht von der Hand zu weisen, weil bei den Trypanosomenträgern ebenso gut die Entstehung einer gewissen Toleranz gegenüber den Parasiten denkbar ist wie bei den wilden Tieren.

Von den bis Mitte 1906 an Trypanosomenfieber erkrankten sieben Europäern eng­lischer Nationalität sind drei an Schlafkrankheit gestorben, eine Person befindet sich völlig wohl, Trypanosomen können zurzeit nicht mehr gefunden werden, zwei erscheinen gesund, obschon Trypanosomen mikroskopisch oder biologisch noch nachweisbar sind, die siebente leidet noch an Anfällen von Trypanosomenfieber und Malaria.

Binnen weniger Wochen tödlich verlaufen ist die Erkrankung von Tulloch, welcher sich bei der Sektion einer mit Tryp. gambiense geimpften Ratte infizierte.

Prophylaxe.

Bei der Aussichtslosigkeit der therapeutischen Maßnahmen ruht der Schwer­punkt der ärztlichen Tätigkeit auf der Verhütung der Krankheit.

Zunächst werden Ärzte und Behörden gemeinschaftlich daran arbeiten müssen, das Gebiet der Seuche einzuschränkeu, um wenigstens jede Verbreitung zu ver­hindern. Die furchtbare Gefahr rechtfertigt strenge Absperrungsmaßregeln, be­sonders auch das Verbot der Abwanderung aus dem verseuchten Gebiete für die gesamte farbige Bevölkerung. Heute sind noch Tausende von Quadratkilometern zwischen den schwersten Krankheitsherden frei, wo Glossina vorhanden und mit der Zuwanderung eines einzigen Kranken die Wahrscheinlichkeit einer Weiterverbreitung gegeben ist. So stellt z. B. der heute noch in seinem Oberlaufe zum großen Teile verschont gebliebene Ubangi - Uelle eine offene Zugstraße für die Krankheit dar. Durch die Verseuchung dieses Flußgebietes würden die jetzt noch durch mehrere Längengrade getrennten Krankheitsherde am Kongo und an den ostafrika­nischen Seen zu einem riesigen Herde zusammenschmelzen, welcher mit Ausnahme des schmalen ostafrikanischen Streifens das ganze äquatoriale Afrika umfassen