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\V. G. Mac Cat.lüm.
In differential-diagnostischer Hinsicht müssen wir uns noch mit verschiedenen anderen Zuständen beschäftigen, welche leicht mit Leberabszeß verwechselt werden können. In gewissen Fällen kann die Frage auftreten, ob der Untersuchende überhaupt krank ist, denn in nicht ganz seltenen Fällen fühlt der betreffende Mensch sich trotz enormer Vereiterung der Leber gar nicht krank und hat überhaupt keinerlei Besch wei’den.
Von den in Rede stehenden Amöbenabszessen müssen solche, die anderen Ursachen wie Pylephlebitis, Angiocholitis und allgemeiner Pyämie ihre Entstehung verdanken, natürlich scharf getrennt werden.
Letztere sind meistens klein und multipel, und wenn die Aspiration ihres Inhalts gelingt, so werden in dem Eiter neben Bakterien eine Menge Leukocyten, aber keine Amöben gefunden. Auch kann in den meisten Fällen die primäre Krankheit, von welcher die Entzündung ausging, wie Appendicitis, Cholelithiasis, Verschlut! der Gallenwege aus sonstiger Ursache oder ausgedehnte Eiterung an anderer Stelle meistens erkannt und in Beziehung zu der Leberaffektion gebracht werden. Amöbendysenterie müßte alsdann nicht vorliegen. Auch würde man in solchen Fällen eine deutliche Leukocytose im Blut nicht vermissen, während bei Amöbenabszessen die Veränderungen der Blutbeschaffenheit unbedeutend und inkonstant sind. Auch ist das häutige Auftreten von Ikterus nicht zu vergessen.
Venveelislung des Leberabszesses mit Malaria ist kaum zu befürchten. Trotzdem ist stets die Mehrzahl der landläufigen Fälle vor dem Erkennen der wirklichen Natur der Krankheit mit Chinin behandelt worden. Das Fehlen der Milzsclnvellung sowie der Malaria}tarasiten im Blute und die Erfolglosigeit der Chininbehandlung genügen, um Malaria auszuschließen. Selbstverständlich kommt es in den Tropen, wie auch wir in einem Falle sahen, nicht selten vor, daß eine gleichzeitige Infektion mit Malariaerregern und Amöben stattfindet. Pleuritische Exsudate werden manchmal für Leberabszeß gehalten, obschon die Krankengeschichte und alle Erscheinungen, abgesehen von der Zunahme des Dämpfungsgebietes, beide Krankheiten unterscheiden. Die Perkussion ergibt bei einiger Aufmerksamkeit unverkennbare Unterschiede, denn selbst wenn das pleuritisehe Exsudat nicht so frei beweglich ist, daß die Dämpfungsgrenze mit der Körperhaltung sich ändert, so ist doch die obere Flüssigkeitsgrenze in sitzender Haltung beinahe horizontal, während die obere Dämpfungsgrenze der einen Abszeß in sich bergenden Leber konvex ist und in der Mittellinie nach der Wirbelsäule zu abfällt. Die subphrenischen Abszesse, "welche im Anschluß an ein perforiertes Magengeschwür, ein Duodenalgeschwür usw. entstehen können, können große diagnostische Schwierigkeiten bereiten, aber die Geschichte des Magenleidens, das Fehlen von Durchfällen und das Ergebnis der Aspiration wird fast immer jeden Zweifel über die Natur des vorliegenden Leidens aufklären.
Auch wenn eine vereiterte Echinokokkencyste in der Leber in Frage kommt, w r as allerdings in einigen Ländern des Nordens häufiger vorkommt, als in Gegenden, wo der Amöbenabszeß heimisch ist, wird die Differentialdiagnose am besten durch die Untersuchung der aspirierten Flüssigkeit sichergestellt. Der Naclnveis von Echinokokkenhaken bei gleichzeitigem Fehlen von Amöben und Amöbendiarrhöe hilft über alle diagnostischen Schwierigkeiten hinweg.
Prognose.
Die Amöbenabszesse der Leber sind äußerst schwere Erkrankungen, und nach den in unserem Krankenhause gemachten Erfahrungen möchten wir die Prognose viel ungünstiger stellen, als aus den statistischen Literaturberichten hervorgeht.