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W. G. MacCali.um.
Yerlauf und Kraiikheitserscheinuiigeu.
Das klinische Bild eines Amöbenabszesses wird in vielen Fällen dadurch verdunkelt, daß der Kranke zur Zeit der Abszeßbildung schon an Dysenterie leidet. Es ist deswegen schwierig, den Zeitpunkt, wo die Entwicklung des Abszesses anfängt, und dessen Alter genau zu bestimmen. Councilman und Lafleur geben in dieser Hinsicht einige Anhaltspunkte, ln einem ihrer Fälle betrug die ganze Dauer der Erkrankung nur drei Wochen, woraus dieselben schließen, daß die Leberaftektion nicht länger als zwei Wochen bestanden haben kann. In einem extrem entgegengesetzten Falle hatte der Kranke schon mindestens zwei Jahre an chronischer Dysenterie gelitten, ehe der Abszeß zur Entwicklung kam. Trotzdem können wir uns keine klare Vorstellung machen, in welchem zeitlichen Verhältnis sich Dysenterie und Leberabszeß entwickeln. Denn die zur Sicherstellung der Diagnose Dysenterie erforderlichen Krankheitserscheinungen können so vorübergehend und leicht sein, daß sie unbemerkt verlaufen und selbst die Ansicht geäußert werden konnte, der Leberabszeß entstehe manchmal zuerst.
In vielen, wenn nicht in den meisten Fällen aber ist das Einsetzen der Abszeßbildung wirklich erkennbar. Ein richtiger Schüttelfrost kann das erste Zeichen seiu, begleitet von einem Fieberanfall, welcher alsdann unregelmäßig wiederkehrt. Häufiger als einen deutlichen Frost findet man aber, daß ein bloßes Frösteln die Komplikation einleitet. Zur Sicherung der Diagnose ist aber die Temperatursteigeruug nicht verwertbar, denn sie kann unbedeutend sein und auch ganz fehlen, besonders wenn der Abszeß einmal gebildet ist.
Warixg sah in vielen Fällen eine während des ganzen Bestandes des Abszesses anhaltende Temperatursteigerung mit meistens regelmäßig auftretenden Tages- schwankungen, indem die Abendtemperatur höher anstieg als die Morgentemperatur. Bertraxd und Foxtax geben in ihrer durch die vielen Einzelheiten wertvollen Monographie eine Tabelle, aus welcher die abendliche Steigerung deutlich hervorgeht. Ihre Kurveutafeln zeigen aber keinerlei Temperaturschwankung als Begleiterscheinung der beginnenden Abszeßbildung. Dieselben verweisen besonders auf die diagnostische Bedeutung des plötzlichen Temperatursturzes, welcher den Durchbruch des Abszesses in die Pleura oder das Peritoneum oder die plötzliche Entwicklung einer akuten Peritonitis kennzeichnet. Dutroulau beobachtet in der Mehrzahl seiner Fälle Fieber, oft mit Frostschauern und strömenden Schweißausbrüchen.
Councilmax und Lafleur stellten zwar in allen mit Abszeßbildung komplizierten Fällen Temperatursteigerungen mit abendlichen Exacerbationen und Morgenremissionen fest, aber ein besonderes Merkmal dieses Fiebers vermochten sie nicht zu entdecken.
In unserem Hospital wurde bei allen seitdem zur Beobachtung kommenden Fällen dasselbe unregelmäßige Fieber im Laufe der Krankheit zeitweise nachgewiesen, daneben aber auch häufig ein Sinken der Temperatur auf die normale Höhe während langer Zeiträume beobachtet, selbst wenn der Prozeß in der Leber im Vorschreiten begriffen war.
Der Puls ist anfangs meistens nur leicht beschleunigt, wird aber im weiteren Verlaufe mit der zunehmenden Abmagerung und Schwächung des Kranken klein und schneller. Andere Zirkulationsstörungen treten im späteren Stadium auf, wenn der Abszeß bedeutenden Umfang angenommen hat. Diese sind meistens auf mechanische Störung im Pfortaderkreislauf zurückzuführen und keineswegs so bedeutend , als man bei der ausgedehnten Zerstörung von Lebergewebe erwarten dürfte, und bestehen, wie bei Hindernissen anderer Art im Pfortadergebiet, in Er-