I.
Das chinesische Problem.
Wieviele Menschen in Deutschland oder Europa haben eine Vorstellung davon, daß gegenwärtig in China eine jener politischen und sozialen Krisen erster Ordnung begonnen hat, deren Ausgang über den^konstitutiven Charakter großer und umfassender Epochen in der Menschheitsgeschichte mitbestimmt? Und wieviele von den Europäern in Ostasien, die selbst Zeugen der Ereignisse sind, wissen etwas von dem inneren Zusammenhang der ungeheuren Bewegung, die um sie herum gärt, und ahnen etwas vom Wesen der Dinge, die sie herausführt? Wenige, nur zu Wenige, zumal unter uns Deutschen.
Welches ist der Angelpunkt der Krisis in Ostasien? Man wird leicht geneigt sein, zu antworten, daß zur Beurteilung dieser Frage von dem Ergebnis des russisch-japanischen Krieges ausgegangen werden müsse. An sich richtig — aber nicht in dem gewöhnlich damit verbundenen Sinne, daß das wichtigste Ergebnis dieser Entscheidung die Zurückdrängung Rußlands in Ostasien und die Aufrichtung der gegenwärtigen japanischen Vormachtstellung sei. Nicht Rußlands Niederlage und Japans Sieg sind das wichtigste Ergebnis des Krieges; auch die allgemeine Verschiebung des Kräfteverhältnisses und der politischen Interessengebiete im fernen Osten, ist es nicht. Es ist vielmehr der durch den Ausgang des Krieges verursachte innere Umschwung in China. Was Rußland für die Gegenwart verloren und was Japan gewonnen hat, das tritt an universaler Bedeutung deshalb weit hinter der Entwicklung zurück, die jetzt in China eingesetzt hat, weil die Geschicke Ostasiens selbst und die Zukunft Europas in Ostasien von dem ferneren Gang dieser Entwicklung viel mehr abhängig sind, als von den Erfolgen
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